Bauforscher informierte über Nazi-Gräuel. Bauforscher Paul Mitchell informierte bei einem Rundgang über die Geschichte des ehemaligen Krematoriums in Melk. Vieles ist aufgeklärt, manches wirft heute noch Fragen auf.

Von Denise Schweiger. Erstellt am 15. Oktober 2020 (05:47)
Paul Mitchell berichtete über das ehemalige Krematorium in Melk.
Schweiger

„Ich hoffe, meine Ausführungen sind nicht allzu kaltblütig“, sagt Paul Mitchell. Manche seiner Erzählungen ließen schon zusammenzucken. Doch das lag am Thema selbst. Mitchell, Archäologe und Bauhistoriker aus Großbritannien, informierte bei einem Rundgang über die Geschichte des ehemaligen Krematoriums in Melk.

Um ein umfassendes Raumbuch des Krematoriums zu erstellen, war Mitchells Fachwissen und genaues Hinsehen notwendig: Die SS hatte zum Kriegsende möglichst viel verschwinden lassen, wie etwa auch die Bauakten des Krematoriums. „Der letzte Brandauftrag galt dem Archiv.“ 1944 wurde das Krematorium errichtet, heute befindet es sich als Teil der KZ-Gedenkstätte Melk in der Obhut der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Der Verein MERKwürdig kümmert sich um die Verwaltung und Pflege.

Details in Architektur geben Einblick

Allein die Fassade des Ziegelbaus verrät laut Mitchell viel: „Die akkurate Anordnung der hellen und dunklen Ziegel mag zufällig erscheinen, aber sie weist auf deutsche Backsteingotik hin.“ Ob die Fenster und Türen damals schon grün gestrichen waren? „Das kann man nicht sagen, weil es aus dieser Zeit nur wenige Schwarzweiß-Fotos gibt. Für mich ist der Ton zu grell, aber in der Nachkriegszeit griff man oft zu Farben, von denen man dachte, dass sie für eine Gedenkstätte passen“, informiert er. Heute ist viel, etwa die Innenräume, mit weißer Farbe übermalt. Aber diese blättert ab. Ein schmutziger Gelbton kommt an den Wänden zum Vorschein, aber auch ein blaues Muster auf grünem Untergrund. „Für uns sind das Orte des Schreckens, für die SS war das ein Arbeitsplatz. Man fand in anderen KZ-Bauten etwa Landschaftsmalereien oder Blumen an den Wänden.“

Das Krematorium selbst (Mitchell: „ein Zwischending aus Tierkadaververwertung und einem heutigen Krematorium für Feuerbestattung“) stammte aus Berlin und wurde ebenso weiß angestrichen. Gegenüber des Krematoriums sticht eine helle Fläche am Betonboden hervor. „Vielleicht war hier ein weiterer Ofen geplant. Vieles über dieses Gebäude ist aufgeklärt, es gibt aber auch offene Fragen.“