Georg Strasser im Interview: „Kurz hat ÖVP gerettet“. Die NÖN lädt die regionalen Spitzenkandidaten der Parteien zur Nationalratswahl zum Gespräch. Diesmal: ÖVP-Spitzenkandidat Georg Strasser aus Nöchling.

Von Markus Glück. Erstellt am 03. Oktober 2017 (04:02)
ÖVP-Spitzenkandidat Georg Strasser aus Nöchling im Gespräch. Foto: Faltner
Anna Faltner

NÖN: Die ÖVP spricht im Wahlkampf immer von Bewegung und verzichtet auf das Parteilogo. Was ist aktuell so schlimm an der ÖVP?

Strasser: Wir haben über Jahrzehnte immer unsere Krisen gehabt und Sebastian Kurz vermittelt eine Aufbruchsstimmung. Er hat die Partei in einer Sinnkrise übernommen und ich habe noch nie eine derartige Geschlossenheit und Disziplin in der ÖVP erlebt. Kurz hat die ÖVP gerettet und ihr seinen Stempel aufgedrückt.

Wird dieser Zusammenhalt auch nach der Wahl halten?

Ja, da sich auch die Bünde sehr stark damit solidarisieren. Es geht mehr um ein Miteinander und weniger um Einzelinteressen.

„Ich sehe die ÖVP als vielfältige Partei“

Die ÖVP plakatiert „Es ist Zeit“. Wofür ist Zeit?

Es ist Zeit für Veränderung und es gibt dafür viele Pläne. Wenn sich das System ändern soll, kann es nicht am Schreibtisch passieren, sondern nur im Dialog mit den Betroffenen.

Die ÖVP ist seit 30 Jahren in der Regierung, Sebastian Kurz das längstdienende VP-Regierungsmitglied und Teil dieses Systems. Ist dieser Schwenk glaubwürdig?

Ich sehe die ÖVP als vielfältige Partei. Die Bundesebene war immer mit wechselndem Erfolg unterwegs. Es stimmt, wir waren in den letzten Jahren in der Regierung, aber da gibt es Koalitionszwänge. Ich bin erst vier Jahre im Geschäft und was kann Kurz oder ich dafür, was vor 20 Jahren ein VP-Minister gemacht hat?

Es gibt viele Diskussionen über den Zeitpunkt der Vorbereitung von Kurz zur Übernahme des Parteichefs. Kann man eine derartige Kampagne in so kurzer Zeit vorbereiten?

Natürlich hat es zuvor Gespräche gegeben, weil zu einem Zeitpunkt im Jahr 2016 die Hoffnung da war, dass Kurz das Ruder herumreißen kann. Ich bin auch sicher, dass sein Team davor sogar den Auftrag gehabt hat, sich darauf vorzubereiten, weil der Wunsch von wesentlichen Spielern in der ÖVP war, dass er übernimmt.

Stichwort Balkanroute: Die ÖVP hat viele Themen von der FPÖ übernommen und ist deutlich nach rechts gerückt. Wie geht es Ihnen mit der neuen Linie?

Ein Jahr wie 2015 darf nicht mehr geschehen. Hilfe ist wichtig, man muss aber auch einen Rahmen definieren. Österreich wird nicht das Leid der ganzen Welt aufnehmen. Diese Menschen sollen auch, wenn der Krieg wieder vorbei ist, nach Hause gehen.

Die ÖVP will Leistungen für Zuwanderer kürzen. Laut EU- Recht ist das schwer möglich, wie will man es dennoch durchsetzen?

Dieser rechtliche Zugang muss natürlich abgewogen oder geändert werden. Wir wollen aber keinen Sozialtourismus fördern. Jede Person soll erst Sozialhilfe bekommen, wenn sie eine gewisse Zeit eingezahlt hat.

„Wichtig, dass man die richtigen Leute aus der Region in Wien hat“

Die FPÖ will die Kammermitgliedschaft in einer Koalition abschaffen. Wie geht es Ihnen als Bauernbund-Präsident mit dieser Forderung?

Ich sehe in der Mitgliedschaft bei der Landwirtschaftskammer einen Vorteil für kleine Betriebe in der Landwirtschaft. Die Gefahr bei einer Abschaffung ist, dass sich die Großen privat ein Service zukaufen und die Kleinen sich das nicht leisten können.

Was kann ein Nationalratsabgeordneter tatsächlich für seine Region bewirken?

Mein Engagement bei der Familienbeihilfe ist den meisten Familien in Österreich zugutegekommen. Natürlich habe ich mich auch bei gewissen Projekten, wie der landwirtschaftlichen FH in Wieselburg, engagiert. Da ist es wichtig, dass man die richtigen Leute aus der Region in Wien hat.

Wie wollen Sie den Spagat zwischen Nationalrat und Bauernbund-Präsident schaffen?

Klarerweise wird der Zeitaufwand mehr. Das Engagement in der Region wird aber weitergehen. Ich habe nicht nur exzellente Mitarbeiter, sondern auch ein dichtes Netzwerk in der Region, auf das ich mich verlassen kann.

„Familie und Freunde werden mir sicher auf die Finger klopfen“

Sie versuchen immer ein Politiker zum Anfassen zu sein. Seit dem Antreten als Bauernbund-Präsident haben viele das Gefühl eines vermehrten Polit-Coachings bei ihrer Person. Wie gefährlich ist ein Coaching bei Politikern?

Natürlich ist die Gefahr immer da, sich zu sehr zu verändern. Das nehme ich sehr ernst, mein Motto wird aber weiterhin sein „sich selbst treu zu bleiben“, aber es ist ein harter Kampf. Ich habe aber Familie und Freunde – sie werden mir sicher auf die Finger klopfen, wenn ich vom Weg abweiche.

Was sind die Ziele für die neue Periode?

Natürlich die Agrarpolitik, wo ich im Parlament und in Österreich federführend sein werde. Ich möchte aber auch in Zukunft die Regionalpolitik unterstützen, die manchmal am Wiener Parkett zu kurz kommt. Und auch soziale Anliegen, wie etwa das Hausärztenetz.

Wer ist der Lieblings-Koalitionspartner?

Wir hoffen, dass es nicht zu Rot-Blau kommt. Ich würde als ÖVP gerne in einer Regierung mit einem stabilen Partner sein. Daher ist die Liste Pilz für mich kein Koalitionspartner.