Aus dem Gerichtssaal: Ein toter Dalmatiner, zwei Versionen

2020 erschießt ein Mann einen Dalmatiner in Pöchlarn. Nach dem ersten Prozess bleiben Fragen.

Erstellt am 24. November 2021 | 04:28
Dalmatiner Symbolbild Hund
Symbolbild
Foto: shutterstock.com/Alexander Vow

Die Richterin reibt sich die Augen. Seit über zwei Stunden hört sie zwei Versionen davon, was sich am 3. November 2020 auf einem Feldweg in Pöchlarn zugetragen haben soll. „Es ist bizarr“, sagt sie, „egal, welche Version der Geschichte.“

An jenem Tag erschoss ein Mann einen Dalmatiner beim Spaziergang. Wie es dazu kam, wird nun vor Gericht geklärt. Die Staatsanwaltschaft hatte vor einem Jahr den Fall bereits abgehakt: Der Schuss sei als „gerechtfertigte Handlung in der Situation“ einzustufen. Nun wurde der Fall neu aufgerollt.

Zu Beginn des Prozesses am Landesgericht St. Pölten nimmt ein Pöchlarner vor der Richterin Platz. Justizwachebediensteter, keine Vorstrafen, stolzer Hundebesitzer. Er spricht schnell – und plädiert auf „nicht schuldig“. Er war an jenem Tag mit seiner Frau und seinem Labrador spazieren. Sein Hund, er wurde vor kurzem zwölf Jahre alt, leide an grauem Star und Arthrose. Und er soll in der Vergangenheit „dauernd“ von anderen Hunden attackiert und gebissen worden sein. Deswegen kam auch schon einmal ein Pfefferspray gegen einen vierbeinigen Angreifer zum Einsatz. Als beim Spaziergang ein frei laufender Dalmatiner in der Ferne auftauchte, habe er ihn sofort erkannt. „Der war berüchtigt. Und der kam zielgerichtet auf uns zu. Ich hab‘ ihn angeschrien, dann ist er weitergelaufen“, schildert er. „Ich kenne den Unterschied, wenn Hunde miteinander spielen wollen oder wenn einer aggressiv ist.“

„Ich hab‘ nicht gezielt, einfach abgedrückt“

Er hatte die Waffe aus seinem Gurtholster gezogen. Die Waffe, die er privat und legal besitzt – und die er sonst nicht zum Spazierengehen mitnimmt. „Einen Tag davor war der Terroranschlag in Wien“, erklärte er, warum er die Waffe dieses Mal dabei hatte. Danach soll es gemäß dem Pöchlarner zum – einzigen – Gespräch mit den zwei Frauen gekommen sein, die mit dem Dalmatiner unterwegs waren. In seiner Version saßen die beiden im Auto, „fuhren mich an, was ich mir einbilde, mit der Waffe auf den Hund zu zielen“. Von Angst, so der Schütze, keine Spur. „Ich hab‘ gesagt, sie sollen ihren Hund anleinen. Wenn er meinen angreift, erschieß‘ ich ihn.“ Und so soll es laut dem Mann gekommen sein: Der Dalmatiner hätte seinen Labrador plötzlich am Genick gepackt. „Meiner war chancenlos. Ich hab‘ nicht nachgedacht, nicht gezielt, einfach abgedrückt. Der war sofort tot.“ In seiner Version – die seine Ehefrau als Zeugin genauso erzählt – seien die beiden Frauen erst nach dem Schuss ausgestiegen, hätten den toten Hund angeleint, ins Auto geladen und sind losgefahren.

„Warum haben Sie die Waffe gezogen? Ein Hund lässt sich von einer Waffe ja nicht beeinflussen“, fragte die Richterin. „Es war Reflex“, antwortete der Schütze. „Ich liebe meinen Hund und bevor der z‘bissn wird, schütze ich ihn.“

„Er fuchtelte mit der Pistole herum, wir hatten Angst“

Warum er den Labrador nicht einfach abgeleint hätte, warum er den Dalmatiner keinen Schlag auf die Nase gegeben habe, warum keinen Warnschuss abgegeben? „Reflex.“ Was er ohne Waffe getan hätte? „Ich wäre dazwischen gegangen.“ Trotz des Angriffs, wie es der Schütze berichtet, brachte er seinen Labrador erst drei Tage nach dem Vorfall zum Tierarzt. „Er hat nicht geblutet, er war nicht offensichtlich verletzt. Aber er hatte eine Schwellung.“ Beim Schuss sei niemand anderer gefährdet gewesen. Er habe den Dalmatiner nicht bewusst töten wollen. „Dann hätte ich ihm in den Kopf geschossen. Mir ging es nach dem Vorfall nicht gut. Der Hund konnte ja nichts dafür.“

Eine Frau aus dem Südlichen Waldviertel nimmt vor der Richterin Platz. Pensionistin, ehemalige Hundehalterin. Der Dalmatiner habe ursprünglich ihrer Tochter gehört, aber aufgrund ihrer Berufstätigkeit hauptsächlich bei ihr und der Großmutter gelebt. Der Dalmatiner war sieben Jahre alt, als er starb. „Gab‘s mit dem Probleme?“, fragte die Richterin. „Nein, nicht wirklich. Er war an und für sich brav, manchmal ist er ausgebüchst, hat aber nix gemacht“, antwortete die Frau. Aussagen einer Pöchlarnerin, dass sie den Hund nicht unter Kontrolle hatte, dementiert sie. Der Dalmatiner – wie auch der Labrador, übrigens – war nie in einer Hundeschule.

In ihrer Version befanden sich sie und ihre Mutter außerhalb des parkenden Autos auf dem Feldweg, als der Pöchlarner schon von Weitem die beiden anherrschte, sie sollen „den Köter anleinen“, sonst werde er ihn erschießen. „Er fuchtelte mit der Pistole herum, zielte auf mich, meine Mutter und den Hund. Wir hatten Angst.“ Sie habe den Dalmatiner mit einem Leckerli gelockt und angeleint – er habe trotzdem abgedrückt. „Er hat ihn neben mir erschossen, obwohl er angeleint war. Es gab keinen Angriff. Wir haben beide geweint, er hat nichts gesagt, ist seelenruhig weiterspaziert“, schildert sie. Ihre Stimme zittert. „Händchenhaltend.“ Ohne ein Wort mit dem Schützen zu wechseln hätten sie den toten Hund ins Auto geladen. „Ich hab‘ nicht gewusst, dass er tot ist. Befürchtet hab ich‘s.“ Sie weint. „Die Tierärztin konnte nur noch den Tod feststellen.“ Die Richterin schüttelt den Kopf. „Hat nach dem Schuss niemand mehr ein Wort gesagt? Das finde ich sehr bizarr. Wie im Theater, alle verlassen die Bühne.“ Sie richtet den Blick wieder auf die Frau vor ihr.

Weitere Einvernahmen bei nächstem Termin

„Sie sagten, dass ihr Hund keine Probleme gemacht hat. Laut der Tierärztin soll er aber im Oktober, also einen Monat vor dem Schuss, einen anderen Hund gebissen und schwer verletzt haben. Die Tierärztin sagte, sie hätten Mühe gehabt, den Hund am Leben zu erhalten. Wie konnten Sie das vergessen?“ „Ja“, räumt sie ein, „das ist leider passiert, der war viel kleiner als unserer.“

Eigentlich hätte an diesem Tag auch ihre Mutter – sie ist über 80 Jahre alt – zur Einvernahme erscheinen sollen, dies war aber aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich. Sie und zwei weitere Zeugen werden zur Verhandlung Ende Jänner geladen. Der Prozess wurde vertagt.