Wirecard-Ermittlungen in St. Leonhard am Forst. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft durchsuchten Ermittler Wohnsitz des Mostviertler Ex-Nationalratsabgeordneten Thomas Schellenbacher sowie Wohnsitze von engen Verwandten.

Von Markus Glück und Michael Bouda. Erstellt am 25. Februar 2021 (05:53)
Thomas Schellenbacher (links) sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Fotos: APA/Georg Hochmuth
APA/Georg Hochmuth

Es war morgens um 6.50 Uhr, als gut 20 Ermittler auf Anordnung der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) zuletzt an zumindest vier Standorten in St. Leonhard und der Manker Region läuteten. Der Wirecard-Skandal und die Untersuchungen über mögliche Fluchthelfer für den flüchtigen Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek haben damit auch den Bezirk Melk erreicht.

Zur Vorgeschichte: Wie berichtet, gestand der frühere St. Leonharder FPÖ-Nationalratsabgeordnete Thomas Schellenbacher, einen Flug für Marsalek organisiert zu haben. Schellenbachers Pöchlarner Rechtsbeistand, Rechtsanwaltsanwärter Reinhard Berger aus der Kanzlei Gollowitsch, der mit Schellenbachers Wiener Anwalt Farid Rifaat zusammenarbeitet, betont allerdings, dass sich sein Mandant dabei nicht strafbar gemacht habe, da zum Zeitpunkt der Organisation kein Haftbefehl gegen Marsalek bestand.

„In so einem kleinen Ort ist das Rufmord. Hier wurden sämtliche Grundrechte ausgehebelt.“ Reinhard Berger

Kein gutes Haar lässt Berger im NÖN-Gespräch an den Hausdurchsuchungen in St. Leonhard. „Das war nicht notwendig. Es fanden Hausdurchsuchungen bei Leuten statt, wo jeglicher Konnex fehlt. Wie kommen gutbürgerliche Leute zu so einer Situation, die haben doch mit Marsalek nichts zu tun.“ Die Aktion erinnere ihn an eine Bandenoperation in Wien und war seiner Ansicht nach „vollends überzogen“: „Von dringendem Tatverdacht ist da keine Spur.“

Laut NÖN-Informationen sollen die Beamten nicht zimperlich vorgegangen sein, den Anwesenden den Austausch untereinander untersagt und sie auch beim Gang zur Toilette begleitet haben. Neben Schellenbachers Wohnort fanden die Hausdurchsuchungen auch im St. Leonharder Fitnessstudio LifeStyle Fitness sowie an zwei weiteren Wohnorten von engen Verwandten bzw. ehemaligen Geschäftspartnern statt. Privathandys wurden dabei ebenso durchsucht wie Computer.

Dabei zeigten sich die Anwesenden kooperativ und ließen die Beamten, etwa im Fitnessstudio, direkt in die Computer schauen. Das bestätigt auch Berger. Für den Anwalt sind die Hausdurchsuchungen ein Sturm im Wasserglas und „grob rechtswidrig“. Bei den Betreibern des Fitnessstudios sollen die Beamten zudem auch keinen Durchsuchungsbefehl vorgelegt haben.

„Wir erheben hier eine Beschwerde. In so einem kleinen Ort ist das Rufmord. Hier wurden sämtliche Grundrechte ausgehebelt. Die Betroffenen konnten nicht einmal ihre Anwälte anrufen“, ärgert sich Berger.

Seitens des Bundesministeriums für Inneres will man den Fall und seine Einzelheiten nicht kommentieren. Im Zuge einer NÖN-Anfrage verwies Ressortsprecher Patrick Maierhofer auf die aktuellen parlamentarische Anfragen und die Homepage des österreichischen Parlaments. „Aufgrund umfangreicher, laufender intensiver Ermittlungen können wir ansonsten keine weiteren Informationen erteilen“, betont Maierhofer.

Thomas Schellenbacher sitzt derzeit in Untersuchungshaft.
APA/Georg Hochmuth

Laut Gerüchten soll bei der Hausdurchsuchung auch ein größerer Geldbetrag gefunden worden sein, dies dementiert allerdings die Staatsanwaltschaft Wien auf NÖN-Anfrage. Ansonsten hält man sich im Fall Schellenbacher aufgrund der laufenden Ermittlungen ebenso bedeckt wie das Innenministerium. Schellenbachers Anwalt betont gegenüber der NÖN, dass kein „belastendes Material gegen seinen Mandanten“ gefunden wurde.

Verärgert ist Schellenbachers Rechtsbeistand allerdings über die aktuelle Untersuchungshaft seines Mandanten. Nachdem die neuerlichen Ermittlungen gegen Schellenbacher bekannt wurden, verhängte das Straflandesgericht Wien nämlich die Untersuchungshaft wegen Tatbegehungsgefahr.

Damit hängt die Untersuchungshaft gegen Schellenbacher ursächlich allerdings nicht mit den Wirecard-Ermittlungen zusammen. Gegen den früheren Abgeordneten der FPÖ liegt eine Betrugsanklage seitens der WKStA vor.

Für Schellenbachers Rechtsvertretung ein Hohn: „Die Anschuldigungen gegen meinen Mandanten sind ein Witz. Die Anklage ist seit Sommer draußen. Wir kämpfen dagegen an. Schellenbacher muss aus der Untersuchungshaft entlassen werden.“ Schellenbacher befindet sich aktuell weiterhin in U-Haft.