Der Wahnsinn trägt Versace

Erstellt am 22. Juni 2022 | 03:56
Lesezeit: 3 Min
Die Sommerspiele Melk entführen in ein spektakuläres Römisches Reich unter einem Herrscher, der nur spielen will. Oder?
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Wenn der Teufel Prada trägt, dann trägt der Wahnsinn Versace. Die verschnörkselten, italienischen Seidenklamotten wehen herum, während Sebastian Pass als Kaiser Nero durch sein Reich wirbelt. Ja, es ist allein sein Reich. Zuerst wollte man ihn kontrollieren: seine Mutter, seine Lehrmeister. Dann hat man die Kontrolle über ihn verloren – und schließlich auch er selbst über sich.

Das diesjährige Schauspiel der Sommerspiele Melk „Nero – Er wollte doch nur spielen“ entführt in ein spektakuläres Römisches Reich. Bühnenbildner Daniel Sommergruber hat ein buntes, sich bewegendes, fließendes Königreich geschaffen. Wenn da nur nicht der Irre und die Intriganten wären. Nero selbst ging als umstrittener Kaiser in die Geschichte ein, viele Legenden ranken sich um seine Figur.

„Ich weiß selber nicht mehr, was ich hier spiele“

Als letzter männlicher Nachfahre des Kaisers Augustus wird Nero mit 16 zum Herrscher des Römischen Reiches – Sebastian Pass verkörpert auf der Bühne der Wachauarena sowohl den jungen, Träumenden, der so gern spielt, als auch den Verwirrten, nicht zuletzt auch Mörder. Ist das etwa auch nur ein Spiel für ihn? Pass lässt in seiner Rolle Interpretationsspielraum – bis er selbst einräumt, mit verdattertem Kaiserblick in Richtung Publikum: „Ich weiß selber nicht mehr, was ich hier spiele.“

Pass gelingt als „Nero“ ein beeindruckender Spagat. Dass der Wiener Schauspieler einmal als „Nero“ auf der Bühne stehen wird, plante Intendant Alexander Hauer allerdings schon lange. „Bei den Sommerspielen 2009, bei ‚Krieg und Frieden’ spielte Sebastian Napoleon. Monate später, im Oktober, sprach mich ein Herr in Melk an, dass ihm jetzt noch Napoleon, also Sebastian, im Traum erschien“, erzählte Hauer bei der Premierenfeier nach der Uraufführung am vergangenen Mittwoch. Wer so lange Albträume verursachen kann, gibt einen guten Irren ab.

Es wäre aber falsch, nur die Titelrolle zu loben: Denn schließlich erwacht nur durch die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles – Maxi Blaha, Claudia Carus, Kajetan Dick, Julia Jelinek, Benjamin Kornfeld, Thomas Kamper und Sophie Prusa – die Geschichte aus der Feder von Jérôme Junod zum Leben. Und so richtig lebendig wird das diesjährige Stück durch die musikalische Begleitung von Jakob Kammerer. Ein Schmaus für Ohren und Augen – Kostümbildnerin Julia Klug färbt die Antike quietschbunt in Spitze und Tunika. Bis auf Nero: Der bleibt bis zum bitteren Ende bei Versace.

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