Immer weniger Bergbauern: Schluss mit Alpen-Romantik. Immer mehr Bergbauern sperren die Stalltüren zu. St. Oswalder Bauer kritisiert Konsumgesellschaft und Klischees in der Werbung.

Von Denise Schweiger. Erstellt am 21. Februar 2019 (04:00)
Schnee, Berge, Idylle: Die exponierte Lage St. Oswalds hat ihren Charme.
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Etwa 30 Rinder haben in Willi Wimmers Stall Platz. Jetzt findet man dort keine einzige Kuh mehr. „Ich habe schon lange überlegt, den Betrieb aufzugeben“, erzählt der St. Oswalder.

Vor dieser Entscheidung stehen immer mehr Bergbauern. Ein großer Grund dafür ist etwa eine neue Regelung ab 2020: Die niederösterreichische Molkerei, NÖM, holt ab dem nächsten Jahr keine Milch mehr von Bauern mit reiner Anbindehaltung ab. „Das verlangt der Markt: Milch von glücklichen Kühen. Und die sollen eben per neuer Definition in Zukunft in Laufstallungen untergebracht werden“, erläutert er.

Als Wimmers Eltern vor rund 30 Jahren den Stall errichteten, waren Anbindehaltungen üblich. Dabei sind die Rinder an einem Platz fixiert. Mit der Zeit ersetzten die Laufstallungen die frühere Art der Haltung. Viele Bauern bauten dementsprechend um. Vorausgesetzt, sie hatten das nötige Kleingeld dafür: Auf 250.000 bis 400.000 Euro lassen sich die notwendigen Arbeiten beziffern. Jene, die nicht in die Neugestaltung ihres Hofes investierten, stehen nun vor der Entscheidung: aufhören, umbauen oder umsatteln? Wimmer hat sich für Letzteres entschieden.

„Ab März bin ich ein Biobetrieb, der Heu vermarktet. Komplett aufhören will ich nicht“, erklärt Wimmer. Viele Kollegen aus der Landwirtschaft in seinem Bekanntenkreis sehen das allerdings anders. „Alleine in St. Oswald haben in den letzten Jahren vier Bergbauern ihren Betrieb eingestellt“, kennt er eine Gemeinde im angrenzenden Zwettler Bezirk, in der sich die Zahl der Bauern von über 30 auf zwei dezimiert hat.

Der Weg aus der Krise? Umdenken beim Einkauf

Dass viele Bergbauern ihre Wirtschaft an den Nagel hängen, kann Wimmer nachvollziehen. „Vor 25 Jahren hat man als Michbauer 41 Cent pro Liter verdient. Heute sind es 39 Cent pro Liter“, ortet der St. Oswalder ein Problem im stagnierenden Milchpreis. „Bei steigenden Kosten und Investitionen kann sich das nicht ausgehen. Es zählt zum Überleben schließlich nicht die Umsatzhöhe, sondern der Verdienst.“

Der einzige Weg aus der Krise der Bergbauern ist für Wimmer ein Umdenken in der Gesellschaft. „Lebensmittel müssen wieder etwas wert sein. Ohne es infrage zu stellen, kaufen wir Handys um über 300 Euro, aber bei einem Liter Milch legen wir jeden Cent auf die Waagschale“, argumentiert er. Besonders ärgern muss sich Wimmer aber, wenn er vor dem Fernseher sitzt. Denn laut dem St. Oswalder zeichnet die Werbung ein zu romantisches Bild von der Landwirtschaft. „Diese Alpen-Romantik kotzt mich richtig an. Bauern sind mittlerweile Unternehmer, es geht um Risiko und Verantwortung. Wir reden hier von echten Existenzkämpfen“, gibt er zu bedenken.