KH-Chef: „Natürlich kannten wir Szenen aus Italien“. Seit einem Jahr ist das Melker Spital ein Covid-Krankenhaus. Mit der NÖN sprach der ärztliche Leiter Rupert Strasser über Ängste, Sorgen und Herausforderungen.

Von Markus Glück. Erstellt am 03. März 2021 (04:53)
Rupert Strasser. Foto: Pehn
Pehn

Ende Februar 2020 wurde Melk zum ersten Covid-Spital in Niederösterreich erkoren, wenige Tage später folgte Anfang März der erste Patient. Der ärztliche Direktor des Melker Landeskrankenhauses, Rupert Strasser, blickt mit der NÖN auf das vergangene Jahr zurück.

NÖN: Die Entscheidung für Melk kam damals überraschend, was waren Ihre ersten Gedanken nach der Bekanntgabe?

Rupert Strasser: Wir waren natürlich von der Entscheidung der Geschäftsführung überrascht, dass Melk als kleines Haus für diese herausfordernde Aufgabe ausgewählt wurde. Wir haben diese Aufgabe als große Herausforderung angenommen.

Wie kann man sich die Vorbereitungen dafür vorstellen?

Strasser: Wir haben innerhalb von zehn Tagen das Krankenhaus in den Pandemiemodus umfunktioniert – mit Besuchsverboten, der Schließung aller Ambulanzen und der Zurückstellung von Planoperationen und -untersuchungen. Daneben mussten wir eine stillgelegte Abteilung in kurzer Zeit reaktivieren.

„Die Mutationen sind zwar deutlich infektiöser, haben aber keinen schwereren Krankheitsverlauf.“ Rupert Strasser

Wie verlief der Vorbereitungsprozess beim Personal?

Strasser: Es wurde mit Hochdruck daran gearbeitet, bestmöglich vorbereitet zu sein – wir kannten ja die Szenen aus Italien, in denen Spitäler und Intensivstationen, welche durch die zunehmenden Zahlen an teilweise schwerkranken Patienten und Todesfällen, massiv überfordert waren. Natürlich war aufgrund der geringen Erfahrung mit der neuen Erkrankung auch Angst da, diese Aufgabe nicht richtig bewältigen zu können.

Nach dem Bekanntwerden herrschte in der Melker Bevölkerung große Verunsicherung und Angst, sogar das Mittagessen für die Kinder in der Nachmittagsbetreuung wurde daraufhin nicht mehr im Krankenhaus eingenommen. Ist diese Angst vor dem Coronavirus auch heute noch spürbar oder hat hier ein Umdenken stattgefunden?

Strasser: Der Zugang zum Klinikum ist auch jetzt für Besucher und Angehörige sehr restriktiv. Das Personal hat zwischenzeitlich viel Erfahrung dazugewonnen und geht sehr professionell mit dem Thema um. In der Bevölkerung besteht nach wie vor eine gewisse Reserviertheit einem Krankenhausbesuch gegenüber. Allgemein sehe ich eine zunehmende Verdrängungsstrategie gegenüber der Gefährlichkeit dieser Virusinfektion, was natürlich ein zunehmendes Risiko für eine wiederansteigende Zahl an Covid-Infektionen beinhaltet. Die Angst der Patienten vor Klinikaufenthalten oder Klinkenbesuchen ist geblieben, wir stellen fest, dass Patienten bei leichteren Erkrankungen nach Möglichkeit Krankenhausaufenthalte vermeiden wollen. Das Aufsuchen des Krankenhauses wegen Banalitäten ist deutlich seltener als in der Zeit vor Covid-19 .

Mitte März kam dann der erste Covid-Patient, ein Mann aus dem Bezirk St. Pölten-Land, auf die Covid-Station, danach stieg die Anzahl der Patienten rasch an. Wie gestaltete sich die Situation im Rückblick?

Strasser: Wir wussten, wir müssen schnell reagieren, damit nicht ähnliche Situationen wie in italienischen Krankenhäusern auch bei uns entstehen. Ende März waren auch bei uns bereits die Covid-Stationen und die Intensivstation überfüllt. Es waren bis zu 57 Covid-19 Patienten im Klinikum, wir hatten auch erste Infektionen im Personalbereich. Wir waren damals absolut am Limit. Durch die Öffnung von weiteren Kliniken für Covid-19 Patienten in Niederösterreich konnte die Situation im Haus dann deutlich entschärft werden. Rückwirkend betrachtet haben die Mitarbeiter als die ersten Pioniere in dieser Zeit Großartiges geleistet. Trotz zunehmender Zahl an Infektionen auch bei den Mitarbeitern, der dadurch entstandenen Verunsicherung und Belastungssituation, ist es uns gelungen, alle Covid-Stationen offen zu halten.

Nach einem Jahr Pandemie: Wie groß ist die psychische Belastung für die Mitarbeiter und werden diese oftmals auf den Stationen getauscht?

Strasser: Unsere Mitarbeiter haben in der Zwischenzeit gelernt, mit dem Thema Covid umzugehen, wir haben Testmöglichkeiten, bessere Schutzausrüstungen, auch optimierte Behandlungsverfahren und seit Jänner die Möglichkeit der Impfung, was im Vergleich zur ersten Phase der Pandemie im März jetzt noch bessere und sicherere Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter schafft. Jetzt kommt aber dazu, dass aufgrund der langen Dauer und des unklaren weiteren Verlaufs der Pandemie ein gewisser Erschöpfungszustand bei den Mitarbeitern eintritt.

Nach einem Anstieg im Herbst sind die Zahlen an Covid-Patienten auf den Stationen des Landesklinikum Melks derzeit rückläufig. Rechnen Sie denn mit einer weiteren Entlastung? Strasser: Zur für eine Virusausbreitung ungünstigen Jahreszeit kommen nun auch die deutlich infektiöseren Mutationen. Ich rechne auch bei neuerlicher Lockerung der Schutzmaßnahmen mit einem Anstieg der Infektionen und der Patienten im Krankenhaus.

Wie bereitet sich das Klinikum auf die verschiedenen Mutationsvarianten vor?

Strasser: Wir rechnen mit einem neuerlichen Anstieg der Zahlen, woraufhin auch unsere Betriebsorganisation abgestellt ist. Notwendige Kapazitäten können im Bedarfsfall rasch freigemacht werden. Nach aktuellen Erkenntnissen sind die Mutationen aus England, Brasilien und Südafrika deutlich infektiöser, haben aber keinen schwereren Krankheitsverlauf als die ursprüngliche Variante. Es gibt hier das Problem der schnelleren Ausbreitung der Infektion mit Clusterbildungen. Auch im Mostviertel gibt es bereits Cluster mit nachgewiesener englischer Virusmutation. Die Behandlung der Patienten unterscheidet sich aber nicht.

Das Coronavirus ist derzeit wohl der Krankheitserreger, an dem am meisten geforscht wird. Welche Erfahrungen konnten Ärzte und Mitarbeiter im Melker Krankenhaus bisher sammeln?

Strasser: Im Zuge der Pandemie konnte durch die laufenden Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse die Therapie optimiert werden. Es gibt aber weiterhin kein das Virus neutralisierendes Medikament. Die jetzt verfügbaren Impfstoffe sind ein enormer Sprung in den Behandlungsmöglichkeiten. Die wirksamsten Methoden, um eine schnelle Ausbreitung zu vermeiden, sind aber weiter das Tragen von Schutzmasken, das Einhalten von entsprechenden Sicherheitsabständen und Hygienemaßnahmen. Das Wichtigste in der Bekämpfung der Pandemie ist jetzt das rasche Aufbauen einer Herdenimmunität in der Bevölkerung, das ist nur durch viele Infektionen oder eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung möglich – ich würde letzte Variante massiv bevorzugen.

Welche Auswirkungen hat die derzeitige Pandemie auf die Pläne für die neue neurologische Abteilung?

Strasser: Die angepeilte Inbetriebnahme liegt im Frühjahr 2022, einen genauen Termin diesbezüglich gibt es noch nicht. Wir sind aber bereits in der ersten Planungsphase.