Infoabend: Wenn „Bio“ ins Wanken gerät. Infoabend in Texingtal über neue Bestimmungen zur Bio-Zertifizierung.

Von Michael Bouda. Erstellt am 18. Februar 2020 (02:42)
Bei der Diskussion in Texingtal: Günther Schopper von der Austria Bio-Garantie, Emanuel Huber, Elisabeth Schübl und Carina Karnholz von der Landwirtschaftskammer Niederösterreich sowie Martin Auer, Kammersekretär der Bezirksbauernkammern Melk und Scheibbs (v. l.).
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Über 100 Besucher füllten den großen Saal des Texingtaler „Gasthof Zur Post“: Landwirtschafts- und Bauernkammer luden unter dem Titel „Richtlinien-News in der Bio-Wiederkäuerhaltung“ zu Vortrag und Diskussion. Allgemein ging es um neue gesetzliche Rahmenbedingungen für Bio-Bauern, im Kern um deren Weiterbestand.

Hintergrund ist, dass die EU-Kommission bei ihrem Audit 2017 teilweise die Umsetzung der EU-Bio-Verordnung durch Österreich kritisierte, woraufhin die nationale Politik aufgefordert war, die gesetzlichen Regelungen zu ändern. Diese Änderungen betrafen vor allem drei Aspekte: die Durchführung von Eingriffen bei Tieren, die Auslaufüberdachung sowie die Weidevorgaben. Was die Eingriffe betrifft, beispielsweise die Enthornung, bedarf es für Ausnahmen nun eigener Bewilligungen. In Hinblick auf die Auslaufüberdachung darf diese nicht mehr zu 100 Prozent bestehen.

„Ich glaube, wir Bauern haben wahrhaftig andere Probleme. Man wirft uns hier Prügel vor die Füße.“ Ein Bio-Landwirt bei der Diskussion in Texingtal

Den größten Punkt nehmen allerdings die neuen Bestimmungen zur Weidehaltung ein. Bisher gab es zahlreiche Ausnahmeregelungen, beispielsweise das Überqueren von öffentlichen Straßen oder eine größere Entfernung der Weideflächen vom Stallgebäude. Diese sind nun Geschichte. Ab 2020 müssen Bio-Betriebe ihre Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde bis zu einem gewissen Ausmaß auf einer Weide halten, wobei zwischen zwei Berechnungsmethoden gewählt werden kann: Verpflichtend ist zumindest eine RGVE (Raufutter verzehrende Großvieheinheit) pro Hektar weidefähiger Fläche oder zumindest die Hälfte der RGVE auf der Weide zu halten. Über die Weidehaltung muss Buch geführt werden und bis Ende Juni ist ein Weideplan für 2021 zu erstellen.

Dies stellt vor allem Bio-Betriebe, die nicht genügend Weideflächen zur Verfügung haben beziehungsweise diese nicht einfach erreichen können, vor große Herausforderungen. Es ist aber auch möglich, dass ein Betrieb über zu wenige RGVE verfügt, um seine Weideflächen zu bewirtschaften – nun werden mit wenigen Ausnahmen alle Grünlandflächen sowie 20 Prozent der Ackerflächen als weidefähige Flächen gewertet.

Bei der Diskussion in Texingtal machte ein Bio-Bauer aus dem Bezirk Scheibbs seinem Unmut Luft: „Ich glaube, wir Bauern haben wahrhaftig andere Probleme“, sagte er und nahm speziell Bezug auf die Distanz von einem Kilometer des vor zehn Jahren errichteten Stallgebäudes zur nächsten Weidefläche: „Ich bin mitten im Dorf. Den Tieren mit ihrem Auslauf geht es gut. Zur nächsten Weide müsste ich sie auf der Straße treiben. Man wirft uns hier Prügel vor die Füße.“

Ein Landwirt aus dem Bezirk Melk schilderte, dass er seine Rinder über die Landstraße, die von Pöchlarn nach Mank führt, treiben müsse. Dabei würden die Tiere immer wieder erschreckt von wartenden Autofahrern, die die Hupe betätigen. „Damit setze ich die Tiere aber Stress aus, was man gesetzlich vermeiden soll. Wenn ich sie aber nicht über die Straße treibe, erfülle ich die Vorgaben für die Weidehaltung nicht.“ Emanuel Huber von der Landwirtschaftskammer Niederösterreich betonte, dass die Weidevorgaben auf jeden Fall Vorrang hätten.

Die neuen Vorgaben haben dabei nicht nur Auswirkungen auf die Zertifizierung als Bio-Betrieb selbst, sondern auch auf die damit einhergehenden Prämien des Agrar-Umweltprogramms ÖPUL. Denn die Erfüllung der Voraussetzungen nach der EU-Bio-Verordnung sind Förderungsvoraussetzungen. Bei deren Nicht-Erfüllung können Prämien gekürzt und in letzter Konsequenz gestrichen werden. Hier empfahl Elisabeth Schübl von der Landwirtschaftskammer, dass betroffene Bauern zumindest einen Teil der vorgeschriebenen Weidefläche schaffen, damit nur ein leichter Verstoß besteht, der im ersten Jahr maximal mit einem Abzug von zehn Prozent geahnet wird. Nur als letzte Option nennt sie den sanktionslosen Ausstieg aus der Bio-Zertifizierung, der mit den geänderten Vorgaben rechtlich möglich ist.

Huber stellte in seinem Vortrag auch Lösungen vor, um die Weidevorgaben, vor allem bei Flächenmangel, zu erfüllen. So können Flächen getauscht werden, es gibt die Möglichkeit, Zinsweiden anderer Bio-Betriebe zu pachten, Viehauftriebsplattformen in Anspruch zu nehmen oder sich im Rahmen von Almen und Gemeinschaftsweiden zu beteiligen.

Generell, und das hoben Huber und Schübl ebenso hervor wie Kammersekretär Martin Auer, sollen sich betroffene Bauern bei der Landwirtschafts- sowie Bauernkammer beraten lassen. Um Lösungsansätze zu finden, wird es in den kommenden Monaten zudem „Weide-Crashkurse“, Exkursionen zu Beispielbetrieben, einen Weidefachtag sowie Vor-Ort-Beratungen geben.