Notarzt berichtet: Beruflich zwischen Leben und Tod. Albert Reiter, Notarzt im Raum Ybbs und Persenbeug, wird heuer 70 Jahre alt. Er ist Österreichs ältester aktiver Notarzt.

Von Denise Schweiger. Erstellt am 18. November 2020 (03:53)
Denise Schweiger

NÖN: Herr Reiter, Sie sind Österreichs ältester aktiver Notarzt. Seit wann sind Sie schon Notarzt? Wie ist das so, zwischen Leben und Tod?

Albert Reiter: Ich war neben dem Studium schon bei der Rettung, damals in meiner Heimatstadt Innsbruck. Medizin hat mich ab diesem Zeitpunkt besonders interessiert. Und das, obwohl ich anfangs kein Blut sehen konnte (lacht)! Ich sah den Rettungsdienst aber nie als Hobby, meine Motivation war es immer, Menschen zu helfen. Deshalb habe ich auch den Berufsweg als Arzt eingeschlagen.

Wenn der Notarzt auf dem Weg ist, geht es um jede Sekunde. Wie hat sich das Rettungswesen verändert? Ist es mit den Jahren schneller geworden?

Reiter: Das Rettungswesen hat sich in meinen Augen sehr positiv entwickelt. Ich war ja daran beteiligt, das Notarztsystem in Vorarlberg aufzubauen. Heute funktioniert vieles digital, ich schreibe etwa das Protokoll bereits während des Einsatzes und dieses lesen die Ärzte in den Spitälern. Aufgrund ihrer Einschätzung wird entschieden, welches Spital angefahren wird. Das sorgt für einen schnelleren Ablauf, aber schneller am Einsatzort sein, können wir heute auch nicht. Nur ein lebendiger Notarzt ist schließlich ein guter Notarzt.

Was sind die häufigsten Gründe für Notarzt-Einsätze?

Reiter: Genaue Zahlen kann ich hier nicht nennen, aber Unfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Atemnot gehören dazu.

Und wie viele Geburten haben Sie im Rettungsauto erlebt?

Reiter: Keine Einzige, um ehrlich zu sein. Ich war aber bei einer Geburt auf dem Parkplatz des Landesklinikums Scheibbs dabei.

Bis der Notarzt eintrifft, ist Erste Hilfe gefragt. Was ist Ihre Erfahrung, wie fit sind hier denn die Österreicher?

Reiter: Ich will jetzt nicht anfangen zu schimpfen (lacht). Es ist ganz wichtig, dass die Leute in Ernstfällen erst den Notruf wählen und dann, wenn der Betroffene kein Lebenszeichen von sich gibt, sowohl die Herzdruckmassage als auch die Beatmung durchführen. Wobei: In Corona-Zeiten nur die Herzdruckmassage. Ich bin ein großer Verfechter davon, dass Erste Hilfe bereits in der Volksschule gelehrt wird.

Das würde dem entgegenwirken, dass die Österreicher nicht erst beim Führerscheinkurs zum ersten Mal von Erste Hilfe hören.

Reiter: Richtig. Es war schon des Öfteren in den Medien zu lesen, dass etwa das Enkerl den Opa reanimierte. Warum also nicht früher die Erste Hilfe ansetzen?

Manchmal kommt aber eben auch jede Hilfe zu spät. Wie verarbeitet man das?

Reiter: Diese Frage wurde mir auch im Jahr 2000 gestellt, als sich das furchtbare Busunglück auf der A1 im Bereich Pöchlarn ereignete. Ich antworte heute wie damals: Man verarbeitet es, indem man eine Supervision in Anspruch nimmt, was ich auch schon getan habe. Peer-Groups wurden über die Jahre installiert, um professionelle Unterstützung zu geben. Manche Bilder vergisst man trotzdem nie.

Sie fahren abwechselnd mit dem Ybbser Roten Kreuz und dem Samariterbund in Persenbeug. Dem Roten Kreuz und dem Samariterbund sagt man eine gewisse Rivalität aufgrund ihrer Parteinähe nach. Spüren Sie Spannungen?

Reiter: Ich bin seit 1968 bekennender Rot-Kreuzler, hatte auch verschiedenste Erlebnisse im Ausland, an die ich mich gerne erinnere, etwa beim amerikanischen Roten Kreuz und bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht. Früher war das anders als heute, da gab es schon diverse Rivalitäten. Ich denke aber, dass Parteipolitik beim Rettungsdienst kein Thema ist. Der Samariterbund und das Rote Kreuz verfolgen schließlich dasselbe Ziel, nur in einer anderen Uniform. Speziell zwischen dem Roten Kreuz in Ybbs und dem Samariterbund in Persenbeug funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut.

Wie verändert denn Corona den Alltag eines Notarztes?

Reiter: Außer, dass wir Masken tragen, eigentlich so gut wie gar nicht. Die hygienischen Maßnahmen hatten wir schon vor der Pandemie.

Ihre Arbeitszeiten erstrecken sich auch über viele Wochenenden im Jahr. Wurden Ihre Dienste denn auch schon einmal in Ihrer Freizeit, im Urlaub gebraucht?

Reiter: Ja – das kam sogar schon öfter vor. Ich bin etwa einmal mit dem Auto in Vorarlberg mit meiner Familie unterwegs gewesen. Es war ein Stau hinter einer Unfallstelle. Die Rettung war bereits unterwegs und mein dreijähriger Sohn sagte nur: „Papa, ich glaub‘, jetzt musst du aktiv werden“. Und recht hatte er!