Podiumsdiskussion in Laa: „Neues Kapitel beginnen“. Historiker und Heimatvertriebene sprachen über die Chancen, 75 Jahre nach Vertreibung.

Von Michael Pfabigan. Erstellt am 24. Oktober 2020 (03:54)
Diskussion anlässlich der Vertreibung der Sudetendeutschen vor 75 Jahren in der Burg Laa: Werner Fasslabend, Manfred Frey, Niklas Perzi, Christoph H. Benedikter, Ondřej Matějka und Bürgermeisterin Brigitte Ribisch.
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„Wir haben immer darunter gelitten, dass Tschechien abgelehnt hat, sich der Problematik der Heimatvertriebenen zu widmen. Aber gerade die junge Generation in Tschechien ist bereit, einen Weg der Versöhnung mit den Sudetendeutschen zu gehen“, sagt Manfred Frey, ehemaliger Vizepräsident der Nationalbank und Heimatvertriebener aus Joslowitz. Mit fünf Jahren hatte er erleben müssen, wie seine Familie 1945 gezwungen war, Haus und Hof zu verlassen, als auf tschechischer Seite damit begonnen wurde, die Grenzregion von Deutschsprachigen zu säubern.

„Jetzt haben sie ein Buch über die Geschichte des Ortes herausgebracht, in dem sie sich auch mit der sudetendeutschen Vergangenheit auseinandersetzen. Sehr objektiv, finde ich“, attestiert Frey. Der Zeitzeuge saß am Podium, als in der Laaer Burg auf Einladung des Vereines zur Dokumentation der Zeitgeschichte Historiker und Zeitzeugen über „Die Vertreibung der deutschen Volksgruppe aus der ČSR“ den Ablauf, die Folgen und die Bewertung 75 Jahre danach diskutierten.

„Wenn wir etwas daraus lernen können, dann dass man das nationalistische Erbe auf beiden Seiten überwindet. Das ist nicht einfach!“Ondřej Matějka, Historiker

Ab Mai 1945 mussten insgesamt rund 3 Mio. Menschen mit deutscher Muttersprache ihre Siedlungen verlassen, vor allem in der Anfangsphase gingen die Tschechen dabei mit ungeheurer Brutalität vor. Die Schätzung der Todesopfer ist schwierig, wie die Historiker Niklas Perzi und Ondřej Matějka eingestehen mussten. Perzi schätzt bis zu 6.000 Todesopfer für Südböhmen und Südmähren in den ersten Monaten, als bei den „wilden Vertreibungen“ die Bewohner der Sprachinseln in Iglau und Brünn in Todesmärschen Richtung österreichische Grenze getrieben wurden - wo man sie aber auch nicht haben wollte und den Großteil nach Deutschland abschob.

Frey und die beiden Historiker diskutierten die Ursachen der Vertreibung und die politische Verantwortung der ersten Tschechischen Republik.

Was kann man aus der Geschichte mitnehmen? „Ein Zusammenleben wie vor 1945 wird es nicht mehr geben, das ist ein abgeschlossenes Kapitel“, sagt der tschechische Historiker Ondřej Matějka: „In Tschechien versucht man, ein neues Kapitel aufzuschlagen.“ Dass Fehler passiert seien, das gebe man mittlerweile zu und man beschäftige sich seit 20 Jahren intensiv mit der deutsch-tschechischen Geschichte - vor allem in der Grenzregion, da werde die sudetendeutsche Geschichte in die heutige Identität der Bewohner integriert. „Wenn wir etwas daraus lernen können, dann dass man das nationalistische Erbe auf beiden Seiten überwindet. Das ist nicht einfach“ sagt Matějka. „Bei uns gibt es nicht viele Politiker, die sich trauen, bei derartigen Veranstaltungen aufzutreten“, ergänzt der Waldviertler Historiker Niklas Perzi.

Hoffnung gab den Heimatvertriebenen bei der Diskussion Bestrebungen, einen Gedenktag für die Sudetendeutsche Vertreibung in Tschechien zu schaffen. Die Pläne seien noch vage und er wolle noch nicht ins Detail gehen, aber das Thema soll nächstes Jahr im tschechischen Senat diskutiert werden, sagt Matějka. Denn mittlerweile habe man erkannt, welches Potenzial man durch die Vertreibung verloren hat. Perzi riet dabei zur Eile: „Uns kommen die Dialogpartner auf sudetendeutscher Seite abhanden.“