Bevölkerungsentwicklung: Wachstum als Gefahr. Bezirk wächst entlang der Verkehrsachsen A 5 und Schnellbahn.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 17. Februar 2018 (05:00)
Statistik Austria; NÖN-Grafik: Bischof

„Bei uns ist die Sterberate höher als die Geburtenrate“, merkt Bürgermeister Johann Bauer bezüglich des langfristigen Bevölkerungsrückgangs in der Gemeinde Schrattenberg an. Im Vergleich zum Vorjahr konnte der Ort zwar leicht auf 810 Einwohner anwachsen, aber im Gesamtzeitraum von 2002 bis 2018 ging der Bevölkerungsstand um 8,5 Prozent zurück.

Dieser Vorgang ist kein Einzelphänomen: Vor allem nahe der tschechischen Grenze zeichnet sich eine regionale Abwanderung ab. Drasenhofen konnte im 15-Jahresvergleich 2017 ein Bevölkerungsmaximum erreichen, musste im Verlauf des letzten Jahres jedoch ein sattes Minus von 5,5 Prozent hinnehmen. Ottenthal traf es noch schlimmer, denn die Gemeinde verlor seit 2002 14 Prozent seiner Einwohner. Gegenüber dem Vorjahr waren es „nur“ 4,2 Prozent.

„Viele Bewohner, welche aus der Stadt kommen, möchten eine gewisse Anonymität bewahren.“Richard Schober, Bürgermeister von Gaweinstal

Regionale Ballungsräume bilden sich hingegen besonders entlang den Verkehrsadern Nordautobahn A 5 und Schnellbahn S2: Hier wachsen die Städte und Gemeinden. Die Achse Wolkersdorf-Gaweinstal-Mistelbach profitiert jährlich vom Ausbau der Infrastruktur. Wolkersdorf ist der klare Wachstumsgewinner: 17 Prozent legte die Gemeinde seit 2002 zu, nur zwei Mal ging die Einwohnerzahl minimal zurück. Da die Stadt beim Zuzug auf der Bremse steht, war gegenüber dem Vorjahr nur ein sanftes Plus von 0,5 Prozent zu verzeichnen: „Wir wollen pro Jahr ein Prozent wachsen“, sagt Bürgermeisterin Anna Steindl immer.

Reger Beliebtheit bei Zuzüglern hat auch die Gemeinde Gaweinstal: es verzeichnet seit 2002 ein Plus von 11,7 Prozent und Mistelbach wartet mit 8,6 Prozent Zuwachs auf. Verglichen mit dem Vorjahr ebbte der Zuzug in beiden Gemeinden deutlich ab: + 0,9 und +0,1 Prozent sind da eher schon eine Stagnation.

Eine Anbindung an große Verkehrsadern ist eindeutig ein Wachstumsverstärker, das bestätigt auch Schrattenbergs Bürgermeister Johann Bauer: „Dank der A 5 wurden Immobilien verkauft, für die sich zwei Jahre keine Käufer fanden.“ Gaweinstals Bürgermeister, Richard Schober, ist ebenfalls überzeugt davon, dass der Ausbau der örtlichen Infrastruktur, gemeint sind etwa Schulen, Ärzte und Vereine, eine Gemeinde lebenswerter macht.

Bauer: "Infrastruktur muss erhalten bleiben"

Im Wachstum kann aber nicht nur Positives gesehen werden, denn für die Gemeinden besteht ein gewisser Drang, sich zu vergrößern. „Die Infrastruktur muss erhalten werden“, so Bauer und dafür ist ein starker Gemeindehaushalt notwendig. Auch Michael Fleischmann, Geschäftsführer von Raum.Region.Mensch, bestätigt diesen Zusammenhang: „Durch die sinkenden Bevölkerungszahlen ist es für die kleineren Gemeinden immer aufwendiger, die Infrastruktur zu finanzieren, weil diese auch für andere Bevölkerungszahlen ausgelegt war.“ Eine auf 1.500 Personen ausgelegte Kläranlage sei etwa überdimensioniert für eine Gemeinde mit 700 Einwohnern.

Ein anderes Problem, mit dem sich wachsende Gemeinden konfrontiert sehen, präsentiert sich in Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Schober sieht hier eindeutig eine Herausforderung: „Viele Bewohner, welche aus der Stadt kommen, möchten eine gewisse Anonymität bewahren“, was ein Zusammenleben erschwert. Daher sei es wichtig, die Leute „über Parteigrenzen hinweg“ anzusprechen und den persönlichen Kontakt zu pflegen.

Außerdem kann zu schnelles Bevölkerungswachstum zur Zersiedlung der Ortschaften führen, was den inneren Zusammenhalt ebenfalls bedroht. Fleischmann führt einige Maßnahmen, für die Bewahrung der Ortskerne ins Feld: Bewusstseinsbildung für das Wohnen im Ortszentrum, Aufzeigen der Vorteile für Bauen im Ort, Aufzeigen der finanziellen Möglichkeiten für Neubau oder Sanierung, sowie eventuelle Fördermöglichkeiten für die Baubewerber.