Bei Anschlag angeschossen: „Er hat nichts erreicht“. Andreas Wiesinger wurde in Schanigarten im Wiener Bermudadreieck angeschossen. Von Terrorismus einschüchtern will er sich aber nicht lassen.

Von Michael Pfabigan. Erstellt am 10. November 2020 (17:13)
Andreas Wiesinger besuchte einige Tage nach dem Terroranschlag den Tatort, wo er und seine Begleitung angeschossen und schwer verletzt wurden: „Ich wollte andere Bilder in den Kopf bekommen.“
zVg

„Er hat geschossen, aber er hat nichts erreicht. Ich lasse mir mein Wien und meine Lieblingsbar nicht nehmen!“ Andreas Wiesinger, Sohn des Laaer Arztes Wolfgang Wiesinger hat am 2. November unvorstellbares erlebt: Er wurde von jenem Terroristen angeschossen, der durch das Wiener Bermuda- dreieck zog und wahllos in Lokale feuerte.

Andreas Wiesinger selbst fing sich einen Schuss ins Bein und einen Streifschuss am Kopf ein, seine Begleitung erlitt einen Durchschuss am Oberarm, ein Projektil steckte im Knöchel. „Wir saßen im Schanigarten ganz außen, quasi in der ersten Reihe“, erzählt Wiesinger. Das Treffen mit der guten Freundin war ein Spontanes gewesen, was für ihn ihre schweren Verletzungen noch bitterer erscheinen lassen.

„Er hat geschossen, aber er hat nichts erreicht. Ich lasse mir mein Wien und meine Lieblingsbar nicht nehmen!“ Andreas Wiesinger, Augenzeuge

„Zuerst hörten wir jemanden im breitesten Wiener Dialekt fluchen und schreien, dann Knaller, wie von Böllern“, erinnert sich Wiesinger: „Zwei Sekunden später ist der Attentäter um die Ecke gelaufen und hat sein Magazin auf uns entleert.“ Lärm, die Einschläge der Projektile rund um die Besucher des Gastgartens, Mauerstücke, die abgesprengt wurden und gegen seine Lederjacke knallen. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit war verengt: „Gesehen hab ich nur noch das Gewehr und das Mündungsfeuer.“

Die Gäste des Schanigartens flüchteten in das Pub, Wiesinger selbst war der letzte, der ins Lokal drängte: „Ich hab aus dem Augenwinkel noch gesehen, wie er Richtung KraKra und Bermudabräu runter läuft. Ich wollte wissen, ob er eh nicht zurück ommt“, schildert der Angeschossene.

Mit dem Wirten suchten die Gäste Schutz im Vorratskeller unter dem Lokal. „Ein echter Wiener Vorratskeller mit Gewölbe und Boden aus gestampftem Lehm“, erzählt Wiesinger. Die vier Schwerverletzten seien dann im Keller kollabiert, man habe begonnen, die Wunden zu versorgen. Mit Mineralwasser wurde das Blut abgeschwemmt, was dazu führte, dass der Boden schlammig von Blut und Wasser wurde. Später brachte man die Verletzten dann ins Stiegenhaus und anschließend in einen Innenhof.

Bis die Rettung kam, dauerte es zwei Stunden, die Gäste waren in dieser Zeit damit beschäftigt, die Verbände zu wechseln und die Verletzten zu versorgen. Anfangs wurden Bandagen aus zerrissenen Leintüchern und T-Shirts gemacht, später wurden sie von den Bewohnern des Hauses versorgt, die ihre Erste-Hilfe-Kästen leerten und Verbandsmaterial und Decken beim Fenster hinunter warfen. Eine im Haus wohnende Ärztin eilte zu Hilfe, zwei Medizinstudenten und Rettungssanis unterstützen sie und leiteten die anderen Gäste an, wie sie die Verletzten versorgen können.

Die sozialen Netzwerke waren nach dem Terroranschlag schnell voll mit Bildern und (Falsch)meldungen rund um die Ereignisse. Haben die im Innenhof quasi Gefangenen etwas davon mitbekommen? „Ich glaube nicht. Wir waren alle zu beschäftigt mit dem Wechseln der Verbände“, sagt Wiesinger. Er selbst habe keine Fotos gemacht, er war ja auch verletzt, seine Bekannte schwer: „Da ist Social Media das Letzte, an das ich gedacht habe.“ Und auch danach habe er sich kaum Bilder und Videos angesehen: „Ich hab mehr gesehen, als ich je sehen wollte!“

„Ich habe viele Erinnerungen und Bilder aus dieser Nacht im Kopf, die wollte ich überschreiben. Ich will andere Erinnerungen zu diesem Tag schaffen.“Andreas Wiesinger

Vergangenen Donnerstag kehrte Andreas Wiesinger zum Tatort zurück: „Ich habe viele Erinnerungen und Bilder aus dieser Nacht im Kopf, die wollte ich überschreiben. Ich will andere Erinnerungen zu diesem Tag schaffen.“ Die Gefühle, die er dabei erlebte, seien unbeschreiblich gewesen.

In einer Stadt zu leben, in der es Terroranschläge gibt, ist für Andreas Wiesinger nichts Neues. Zur Zeit der Terroranschläge in Brüssel arbeitete er für die Europäische Union: „Wir haben uns damals gesagt: Wir lassen uns die Stadt nicht von ein paar Terroristen nehmen. Und genau so ist es jetzt auch in Wien, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und in der ich vieles erlebt habe.“

Was die Terroristen wollen, ist, die Gesellschaft zu spalten und Angst zu verbreiten. Die Wiener Innenstadt sei jetzt vermutlich sicherer, als vor dem Anschlag. Anschuldigungen und Angriffe auf Moslems seien der falsche Weg. „Der hat breitesten Wiener Dialekt gesprochen, das lernt man nicht, wenn man einwandert, der ist in Österreich aufgewachsen“, sagt Wiesinger über den Attentäter. Und er kündigt an: „Nach dem Lockdown gehe ich wieder ins „Philosoph“, und dann trinke ich mit dem Personal ein Bier, um zu zeigen, dass der Terror nicht gewonnen hat!“