„Nur eine Handvoll Flüchtlinge sind geblieben“. Flüchtlingshelfer sehen wenig Unterstützung ihrer Arbeit durch den Staat. Polizei hatte kaum Problemfälle.

Von Michael Pfabigan. Erstellt am 09. September 2020 (04:57)
Ein Projekt, das Bestand hat: Der internationale Gemeinschaftsgarten bleibt in Mistelbach auch nach dem Ende von Zwirnschmalz erhalten. Hier ein Bild aus dem Vorjahr, einige der abgebildetenPersonen wurdenabgeschoben.
Zwirnschmalz

„Was mich jetzt sehr enttäuscht, ist, dass so viele Flüchtlinge nach fünf Jahren immer noch auf ihr Interview oder ihren Bescheid warten“, sagt die junge Mistelbacherin Johanna Wanderer: „Viele dieser Menschen haben sich mittlerweile gut integriert, haben Freunde gefunden, haben Ausbildungen gemacht und dürfen aber aufgrund des fehlenden Bescheids nicht arbeiten.“

Es gebe einige, die nicht den Willen haben sich zu integrieren oder sogar kriminell sind, die jedoch bleiben dürfen. „Andere wiederum bemühen sich und sind liebevolle, herzliche Menschen, die nur den Wunsch haben, endlich richtig anzukommen und nicht mehr in Angst leben zu müssen, und solche werden leider oft ausgewiesen“, weiß sie aus eigenem Erleben.

Flüchtlingsheime entstehen und schließen

Johanna Wanderer gab bis 2019 Deutschunterricht für Schülerinnen und Schüler aus dem Irak, dem Iran, Afghanistan, Syrien und Somalia im Alter von 19 bis 60 Jahren.

Ihre Erfahrungen sind exemplarisch für die Unzufriedenheit der Helfer mit der Rolle des Staates, die dieser seit 2015, als die Flüchtlingswelle Österreich erreichte, einnahm. „Immer wieder hatten wir den Eindruck, die Behörden würden eher Hürden aufbauen, als unterstützend zu wirken“, sagt Peter Pichler aus Poysdorf. „Deutschkurse wurden gestrichen, Asylwerber quer durch Österreich umgesiedelt, sodass hilfreiche Kontakte sinnlos abgebrochen und erschwert wurden.“

Ab 2015 entstanden größere Flüchtlingsunterkünfte in Mistelbach, Wilfersdorf, Wolkersdorf, Poysdorf und Drasenhofen. Pfarren und Privatpersonen organisierten kleine Unterkünfte, ab 2017 nahm die Zahl der hier untergebrachten Asylwerber wieder ab.

Vorletztes geschlossenes Flüchtlingsquartier war das ehemalige Schusterwirtshaus, das derzeit zu Büros und Wohnungen umgebaut wird. Nur noch in Poysdorf gibt es eine Einrichtung, in der Asylsuchende aus ganz NÖ zusammengezogen und untergebracht werden.

„Immer wieder hatten wir den Eindruck, die Behörden würden eher Hürden aufbauen, als unterstützend zu wirken!“Peter Pichler, Poysdorf

„Es ist nur noch eine Handvoll dageblieben“, sagt Franz Schneider, Obmann der „Bewegung Mitmensch“, die sich in der Hochzeit des Flüchtlingsansturms vor allem vernetzend hervorgetan hatte: In Mistelbach gab es nicht nur Deutschunterricht für die Flüchtlinge, es wurde auch eine eigene Lebensmittel- und Grundversorgungsgüter-Ausgabe nach dem Vorbild der Team Österreich-Tafel von der ADRA (Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe) organisiert.

Diverse Beschäftigungsprogramme wurden ins Leben gerufen, die helfen sollten, die Gekommenen auch zu integrieren. Das Projekt Zwirnschmalz, bei dem Österreicherinnen und Flüchtlinge gemeinsam Mode schufen, wurde unlängst mangels betreuter Personen eingestellt - gemeinsam genäht wird aber weiterhin. Das Urban Gardening-Projekt „Internationaler Gemeinschaftsgarten“ der Zwirnschmalzer wird aber fortgeführt, ebenso wie die Mistelbacher Fahrradwerkstätte.

Wie viele Helfer gab es zu Spitzenzeiten? Schneider hat darauf keine Antwort. Aber die Gemeinschaft und die Bereitschaft zu helfen seien schon sehr groß gewesen, glaubt der Obmann der Bewegung Mitmensch, die in den 1990er-Jahren von Maria Loley als Hilfsverein für Flüchtlinge der Jugoslawien-Krise gegründet wurde. Auch er empfand die Rolle des Staates eher als hemmend denn als helfend: „Ich wollte eine überregionalere Vernetzungsstelle initiieren. Da hat man mich beinhart abblitzen lassen“, erzählt Schneider.

Aus polizeilicher Sicht: Wie war die Flüchtlingskrise seit 2015? „Ich will nichts beschönigen oder dramatisieren. Aber aus meiner Sicht ist alles ohne größere Probleme abgelaufen“, sagt Bezirkspolizeikommandant Florian Ladengruber.

Viele Befürchtungen in der Bevölkerung seien nicht eingetreten. Obwohl es in Mistelbach in den beiden Großunterkünften (Containerhaus beim Landesklinikum und Schuster-Wirtshaus) an die 200 Flüchtlinge gab, sei die Lage überschaubar geblieben: „Klar gab es Raufereien zwischen den Nationalitäten, aber dass wir ständig dort waren, das wurde in den Sozialen Medien heillos übertrieben“, sagt Ladengruber.

Wäre eine derartige Welle der Hilfsbereitschaft heute wieder möglich? „Ich glaube schon“, sagt Franz Schneider, „weil die Menschen nach wie vor positiv eingestellt sind. Und weil uns Corona eine Rückbesinnung auf die wirklich wesentlichen Dinge beschert hat.“

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