Streitthema Apotheken: „Hausarzt wird demontiert“. Ohne Hausapotheken könnten Praxen nicht überleben, Apotheker verweisen auf Erreichbarkeit.

Von Michael Pfabigan. Erstellt am 04. September 2019 (04:57)
Michael Pfabigan
Für Apotheker Klaus Dundalek, im Bild mit Sandra Böck, können nur Apotheken eine Vollversorgung der Bevölkerung leisten. Praktische Ärzte sehen das anders: Der Arzt wisse am besten, was sein Patient braucht. Und habe das in der Regel auch auf Lager.

„In Österreich haben wir Arzt-Apotheken als Mittel gegen den Hausärztemangel. Freistehende Praxen mit diesem Patientenservice gehen bei Jungmedizinern weg wie die warmen Semmeln“, sagt Wolfgang Geppert, ehemals praktischer Kassenarzt in Wilfersdorf, kritischer Geist und beim Hausärzteverband engagiert.

Seine Lösung für das Problem: „In Gemeinden, in denen es nur einen Kassen-Allgemeinmediziner gibt, sollte es für Hausapotheken keine Einschränkungen geben.“

Klaus Dundalek, dessen Familie im Bezirk Mistelbach vier Apotheken betreibt, sieht das anders: Die Hälfte aller Hausapotheken europaweit gebe es in Österreich. Die Lösung für das Problem fehlender Landärzte könnte aber eine Hausapotheke nicht sein: „Die Honorare der Ärzte sind zu niedrig“, sagt der Apotheker: Statt Hausapotheken sollte man jungen Medizinern andere Anreize geben, damit sie wieder am Land arbeiten und leben wollen.

Was sind eigentlich die Vorteile von Apotheken? „Die Öffnungszeiten. Ein Arzt hat sieben Wochen im Jahr geschlossen, Apotheken nicht“, sagt Dundalek. Ärzte hätten wöchentlich 20 Stunden offen, eine Apotheke 54. „Und Wochenenddienst machen derzeit gerade mal zwei Ärzte im ganzen Bezirk“, weiß der Apotheker.

Großes Warenlager als Vorteil für Apotheken

Realität sei, dass Patienten deshalb in die Ambulanzen des Landesklinikums gingen und sich dann die verschriebenen Medikamente am Wochenende in seinen Apotheken holen würden. Weil eine Apotheke in Mistelbach immer Wochenenddienst hat.

Weiterer Vorteil von Apotheken: das Warenlager. Während eine Hausapotheke ungefähr 200 Artikel im Lager hat, hätten Dundaleks Apotheken rund 6.000 Artikel im Bestand. Dass es Apotheken gibt, die ein deutlich kleineres Warenlager hätten, zählt für ihn als Ausnahme zur Regel.

„Ein Arzt weiß, wenn er etwas verschreibt, dass es auch lagernd und lieferbar ist“, hält Oskar Kienast, praktischer Arzt in Mistelbach und Bezirksärztevertreter, entgegen: „Jede Woche sind rund 300 Arzneien nicht lieferbar. Und oft gibt es nichts Vergleichbares.“ Da könne nur der Arzt entscheiden. Bei der Apotheke muss man hoffen, dass das Medikament lagernd ist und dass die überhaupt offen hat: „Dass wir Ärzte nur 20 Stunden in der Woche offen haben, stimmt ja nur am Papier. Die meisten Ärzte kommen früher und gehen später“, sagt Kienast.

„Apotheker entlasten Gesundheitssystem“

„Wir entlasten das Gesundheitssystem“, sagt Klaus Dundalek: „30 Prozent der Patienten gehen zu uns und holen sich Arzneimittel, ohne dass sie dafür den Arzt besuchen.“ Für Warzentinkturen, Hustensäfte etc. müsse man nicht extra zum Doktor gehen.

Wie wichtig ist eine Hausapotheke für praktische Ärzte? „Es ist schon ein essenzieller Gewinnanteil“, sagt Kienast. Denn die Kassen zahlen pro Patientenbesuch etwas mehr als acht Euro - und davon gibt es noch Abzüge. Hinzu kommt, dass praktische Ärzte manche Untersuchungen nicht über die Kassen verrechnen dürfen, einen Ultraschall zum Beispiel.

Und zumindest bei einigen kleinen Kassen dürfen sie ab Jänner 2020 auch das Labor nicht mehr über die Kassen verrechnen - für Kienast eine weitere klare Demontage des Hausarztstandes: „Wenn es so weitergeht, werden die normalen Praktiker aussterben“, sagt er.

Die Krankenkassen tun sich schon jetzt schwer, Ordinationen zu besetzen - auch in Städten: Aufgrund der Rahmenbedingungen sei es für Kienast verständlich, dass viele junge Kollegen nach dem Studium lieber ins Ausland gehen. Insofern bringe es auch nichts, einfach die Studienplätze aufzustocken. Ordinationen mit Hausapotheke würden weiter eine Überlebenschance haben, ist Kienast überzeugt, bei den restlichen Arztstellen werde es eng werden.

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