Bluttat im Schloss Bockfließ: Erster Prozesstag. Angeklagter gibt dreifache Tötung zu, beteuert aber Totschlag und will keinen Dreifachmord begangen haben

Von Jutta Hahslinger. Update am 04. Juli 2019 (17:19)

Unter regem Medieninteresse wird der Angeklagte „Graf Tono“ in den vollbesetzten Gerichtssaal geführt. Sichtlich um Fassung bemüht, vernimmt er dann den Vortrag der Anklagevertreterin Anna Weißenböck.

Einbau des Speiselift hatte Disput ausgelöst

Die Staatsanwältin findet klare Worte und schildert detailgenau das blutige Geschehen am 13. Dezember des Vorjahres im Schloss Bockfließ im Bezirk Mistelbach: Nach einem gemeinsamen Mittagessen, haben sich die Familienmitglieder, der 92-jährige Schlossherr, dessen Partnerin (87) und die beiden Söhne im Kaminzimmer eingefunden, wo bei Kaffee und Kuchen geschäftliche Belange besprochen wurden. Der ohne baubehördliche Genehmigung erfolgte Einbau des Speiselifts habe wieder einmal für einen heftigen Disput zwischen dem Schlossherrn und dem älteren Sohn (55) gesorgt.

Der 55-Jährige und heutige Angeklagte habe das Kaminzimmer verlassen, sei ins Erdgeschoss gegangen und habe aus dem Jagdzimmer eine zweiläufige Schrotflinte und Patronen geholt. Bereits auf dem Rückweg ins Kaminzimmer habe er die Waffe geladen.

Beim Betreten des Kaminzimmers habe er seinen im Lehnstuhl sitzenden Bruder sofort in den Kopf geschossen, dann habe er dem aufgesprungenen und ihm gegenüber stehenden Vater aus kurzer Distanz ins Gesicht geschossen. Im Anschluss habe er gegen die Stiefmutter, gegen ihre rechte Körperhälfte, zwei Schüsse abgegeben, die Waffe nachgeladen, sei an das verletzte Opfer herangetreten und habe ihr noch ins Gesicht geschossen.  „Bruder, Vater und Stiefmutter erlitten tödliche Verletzungen und starben an einer Atem- und Hirnlähmung. Es war dreifacher Mord“, befindet die Staatsanwältin.

„Ich gestehe Totschlag bei allen drei Personen“

Der Angeklagte gibt die Tötung der Familienmitglieder zu, will aber keinen Dreifachmord begangen haben: „Ich gestehe Totschlag bei allen drei Personen.“ Er führt die langjährigen Probleme mit dem Vater an, der sowohl in privaten als auch beruflichen Belangen immer seinen Kopf durchgesetzt habe und nach dem Motto „Ich bestimme“  in das Leben der erwachsenen Kinder eingegriffen habe. Als es wieder zu einer sinnlosen Debatte wegen der Schwarzbauten im Schloss gekommen sei, habe der Bruder zum Vater geholfen. Habe wieder einmal nicht anecken wollen und sei eingeknickt. Kopfschmerz habe ihn überfallen und der Gedanke sei ihm eingeschossen:„Ich muss alle töten!“

„Das haben Sie auch getan“, merkt Richter Martin Bodner an und will vom Angeklagten wissen: „Wie war ihr Verhältnis zum Vater?“

Er habe ihn bewundert, zum ihm aufgeblickt, sagt der 55-Jährige und seufzt: „Es ist aber nicht leicht, mit so einer starken Persönlichkeit zu leben.“

„Sie sind ein erwachsener Mann, haben eine gute Ausbildung. Warum sind Sie nicht Ihren eigenen Weg gegangen?“, entgegnet der Richter.

Habe er ja. Nach beruflichen Alleingängen, habe er sich aber auch bedingt durch den zunehmenden Altersstarrsinn des Vaters um den Erhalt des Familienanwesens kümmern müssen, erklärt der Angeklagte.

„Er bestimmte, er war der Patriarch und ich musste dann die Probleme bereinigen. An jenem Tag haben alle auf mich eingeredet. Es ist mir zu viel geworden. Es kam von allen Seiten, selbst mein Bruder half zum Vater. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, der Schmerz im Kopf wurde immer größer. Vor meinem Unfall 2017, wo ich reanimiert werden musste,  wäre es nicht zu dieser Eskalation gekommen. Da war ich nicht so reizbar. Heute gerate ich schon bei Nichtigkeiten in Zorn“, behauptet der 55-Jährige und spricht seine Erkrankung „Neurofibromatose“ (Hauterkrankung, Geschwüre auch im Körper) an.

Mit der Befragung des Angeklagten zum Geschehensablauf geht es weiter.

„Ich habe meinen Bruder geliebt!“

Das Verhältnis zu seinem Bruder wäre gut gewesen: „Ich habe ihn geliebt. Wir haben immer einen guten Konsens gefunden, obwohl er mir bei Debatten mit dem Vater manchmal in den Rücken gefallen ist. Ich kann es heute nicht mehr nachvollziehen, warum es an jenem Tag so eskaliert ist“, sagt der Angeklagte.

„In der Stimmung in der Sie waren, hätten Sie auch auf eine weitere Person im Kaminzimmer geschossen?“, will der beisitzende Richter Rainer Klebermaß wissen.

„Kann sein, wahrscheinlich hätte ich auch eine vierte Person erschossen“, räumt der 55-Jährige ein. Ein Gefühl der Befreiung nach der Tat habe er aber nicht empfunden, beteuert er.

Angeklagter bricht in Tränen aus

„Ein Schwachsein gab es bei uns nicht“, erzählt der 55-Jährige. Vom Vater zur Härte und Strenge erzogen, habe er nie den Hauch einer Schwäche zeigen dürfen: „Es war mir wichtig, was mein Vater denkt,  und ich wollte auch seinen Respekt verdienen. Ich wollte die Sachen gut machen, und ich habe sie auch gut gemacht, aber mein Vater hat das nie gewürdigt“, sagt der Weinviertler und bricht in Tränen aus.

Erst einige Wochen nach der Bluttat habe er sich wieder an diverse Details erinnern können. Unter anderem, dass er mit dem Gedanken einer Selbsttötung gespielt, aber dann verworfen habe, erzählt der Angeklagte.

Dass ihm der Vater Vorhaltungen wegen der Kinderlosigkeit gemacht habe, bejaht der Angeklagte. Dies bestätigen auch Freunde und Bekannte im Zeugenstand. Alle sprechen über den Angeklagten von einem höflichen, friedfertigen und umgänglichen Menschen. Nach einer schweren Erkrankung -  ein Arterienriss mit einer Notoperation - , habe sich der Weinviertler verändert, bestätigen sie und sprechen von Konzentrationsproblemen beim 55-Jährigen, raschen Ermüdungszuständen und schneller Erregbarkeit.

Eine Zeugin schildert, wie sich das Brüderpaar bei anstehenden Aussprachen vor dem Vater gefürchtet habe: „Das war ja nicht mehr normal, dass sich 50-Jährige davor fürchten, dem Vater Pläne vorzulegen. Dieser hat sich auch nicht an Abmachungen mit den Söhnen gehalten und auch hinter deren Rücken agiert. Immer wieder saßen Leute zusammen und haben Kasperltheater gespielt, nur weil es der Senior so wollte.“

Finale des ersten Prozesstages mit dem Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen

Ausschlaggebend zur rechtlichen Beurteilung der Gewalttat des 55-Jährigen wird dessen Gemütsverfassung zum Tatzeitpunkt sein.

Der Schütze sei weder durch Alkohol noch durch Medikamente beeinträchtigt gewesen, befindet der forensische Sachverständige. Der psychiatrische Gutachter Werner Brosch stellt bei dem 55-Jährigen keine hochgradigen Geisteskrankheiten fest, auch keine medizinischen Voraussetzungen für eine Einweisung in eine Anstalt. Er befindet den 55-Jährigen zum Tatzeitpunkt für zurechnungsfähig:

„Er waren heftige Emotionen im Spiel, aber er war in keinem krankhaften Ausnahmezustand. Er konnte komplexe Handlungen, wie Waffe holen, laden, Schussabgaben und nachladen, begehen.  Dies schließt auch ein Affektdelikt (Kontrollverlust für einige Minuten) aus. Dass der Weinviertler im Kaminzimmer in einem aufgeregten Zustand gewesen ist, und unter Anspannung gestanden habe, bejaht er. Aber er habe noch immer zielgerichtet agieren können, befindet der Experte.

Damit endet der erste Prozesstag. Am 5. Juli geht es mit den Schlussvorträgen – Plädoyers der Verteidiger und der Staatsanwältin – weiter.