Mehr Raum für Wildnis: „Mähroboter ist das Ärgste“. Ein Lehrer dokumentierte mit Schülern die Natur in Wolkersdorf, er fordert mehr Raum für Wildnis.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 04. Juli 2019 (04:56)
Christoph Szeker
AHS-Lehrer Rudolf Rozanek mit dem Naturführer. Die Buchbände hat er gemeinsam mit Schülern erstellt. Sie dokumentieren die Flora und Fauna im Gemeindegebiet Wolkersdorfs.

Das gewöhnliche Filzkraut tritt in Wolkersdorf seit Jahren nicht mehr auf. Denn der Lebensraum in der Großgemeinde hat sich verändert: An vielen Standorten ist die Natur Siedlungsgebieten gewichen – einige Areale boten einzigartige Bedingungen. Aber wem fällt es schon auf, wenn eine einzelne Pflanze nicht mehr wächst?

Rudolf Rozanek, Lehrer an der AHS, hat es gemerkt, denn mit seinen Schülern dokumentiert er seit rund zwölf Jahren die Flora und Fauna in Wolkersdorf. „Das Hauptanliegen ist, die Vielfalt sichtbar zu machen“, sagt er zu dem Projekt.

Rozanek hatte schon immer ein Sendungsbewusstsein, wie er es selbst nennt, und so war der Weg zum Lehrer-Sein nicht schwer zu finden. Anfangs war es allerdings die Nachhilfe in Rechnungswesen, womit er sein Wissen vermittelt hat. Für Tiere und Pflanzen hat sich Rozanek aber weit mehr interessiert. „Eigentlich wollte ich Zoologe werden“, erzählt er. Geworden ist es dann ein Biologie-Studium, dann das Lehramtsstudium in Biologie und schließlich wurde er auch Diplom-Botaniker. Im Unterricht war es ihm dann von Anfang an wichtig, mit den Schülern raus zu gehen. Denn „was nützt Vielfalt, wenn immer weniger Leute Vielfalt erkennen können“, fragt Rozanek.

„Wer das Wunder der Natur erkannt hat, der wird nie wirklich einsam sein!“Rudolf Rozanek, AHS-Lehrer

Nach vielen Jahren des Lernens hat sich der AHS-Lehrer dann reif gefühlt. Als er eines Tages durch den Park ging, kam ihm beim Anblick der großen Vielfalt der Gedanke: Rozanek wollte mit Schülern die Natur untersuchen, um eine nachhaltige Schulung der Beobachtung der Natur zu vermitteln. Das Projekt kann als Erfolg gesehen werden, denn Schüler sagen Rozanek des Öfteren: „Man sieht nach so einem Projekt anders.“

Die Buchbände, welche als Ergebnis der Untersuchungen entstanden sind, sprechen ebenfalls für die Arbeit: Zwei Mal erhielten die Bücher als Auszeichnung den Hans Czettel-Preis. Stolz ist Rozanek dabei vor allem auf eines: „Die Bücher sind zu 100 Prozent ein Werk der Schüler und von mir.“ Mehrere tausend Arten sind darin dokumentiert.

Mit den Büchern möchte der Lehrer auch eine Botschaft vermitteln. Einerseits sollten wir uns glücklich schätzen, noch immer in einer artenreichen Mitwelt leben zu dürfen. Andererseits sieht Rozanek im Verstehen der Natur einen großen inneren Reichtum: „Wer das Wunder der Natur erkannt hat, wird nie wirklich einsam sein“, sagt er. Rozanek spricht zudem von der Mitwelt und nicht von der Umwelt, denn: „Die Lebewesen, die hier sind, gehören auch zur Gemeinde“, so Rozaneks Ansicht.

Besonders drastisch sieht er in diesem Zusammenhang ein bestimmtes Gerät, welches häufig in modernen Gärten anzutreffen ist: „Der Mähroboter ist das Ärgste“, so Rozanek. Statt die Natur zu beachten, würde man sie mit dem Roboter verachten. Für Rozanek ist klar: Wer einen Garten hat, der hat auch eine Verantwortung dafür.

Die Siedlungsgebiete sind für den AHS-Lehrer jedoch generell eine „ökologische Katastrophe“. Vielfalt und Lebensraum gingen hier verloren, vor allem für die Insekten sieht Rozanek daher rot. Gemeindeverschönerung sieht er zudem kritisch, denn Flächen, die verwahrlost aussehen, weisen oft große Vielfalt auf. „Wir werden unseren ästhetischen Blick in Zukunft ändern müssen“, steht für den Lehrer daher fest.

Unter dem Motto „Der Wildnis Platz einräumen“ könne die Natur sich wieder entfalten. Dann würde sich auch mehr Vielfalt einstellen. Rozanek fordert daher Flächen, die in der Raumordnung unantastbar gemacht werden.

Die Evolution ist auf Vielfalt ausgerichtet

Aber warum überhaupt Vielfalt? „Vielfalt ist Möglichkeit“, sagt Rozanek. Alle Strömungen in der Evolution seien auf Vielfalt ausgerichtet. Die Unterdrückung von Vielfalt ist somit ein großer Eingriff, dessen Folgen nicht abschätzbar sind. „Keiner würde behaupten ‚Es braucht diese Meinung nicht‘ oder fragen ‚Wofür diese Bibliothek?‘“, vergleicht Rozanek.