Zwirnschmalz löst sich auf: „Vereinszweck ist erfüllt“. Die Nähwerkstatt, die zur Integration von Asylwerbern gegründet wurde, hat bunte Spuren in der Stadt und zahlreiche Freundschaften hinterlassen.

Von Michael Pfabigan. Erstellt am 03. Juli 2020 (04:29)
Ein Gartenfest inVeronika Gollers Garten als Ende von Zwirnschmalz: Da keine zu betreuenden Asylwerber mehr da sind, löste sich der Verein auf und spendete sein Vereinsvermögen. Die entstandenen Freundschaftenwerden aber weiter bestehen.Pfabigan
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„Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass es egal war, ob jemand aus Vorarlberg, Kabul oder Siebenhirten gekommen ist“, lacht Veronika Goller, Mastermind hinter dem Verein Zwirnschmalz, der sich um Vernetzung, Integration und sinnvolle Beschäftigung von Asylwerbern gekümmert hatte: „Wir Zwirnschmalzer waren eine Einheit!“

2015, als während der Flüchtlingswelle das ehemalige Schusterwirtshaus zur Flüchtlingsunterkunft wurde, wollten Goller und Silvia Seymann ein Zeichen setzen: „Zwei blonde Frauen gingen in das Schusterhaus und fragten, wer beim Nähen und Garteln mitmachen will“, erzählt Goller: „Dadurch, dass wir auch ohne Angst wieder herausgegangen sind, haben wir vielen Mistelbachern die Berührungsängste nehmen können.“

„Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass es egal war, ob jemand aus Vorarlberg, Kabul oder Siebenhirten gekommen ist.“Veronika Goller, Initiatorin von Zwirnschmalz

Im Laufe der Jahre kümmerte sich Zwirnschmalz um 15 bis 20 Asylwerber, nähte nicht nur mit ihnen, sondern begleitete sie auch zu Asylanhörungen, Gerichtsterminen und durch die Schule. Jetzt löst sich Zwirnschmalz auf: „Der Vereinszweck hat sich erfüllt“, sagt Goller: Die Schützlinge seien alle beschäftigt in Schule oder Job oder wurden mit negativem Asylbescheid abgeschoben.

Zwirnschmalz war ein Verein, der gezeigt hat, dass man aus nichts viel machen kann: „Wir haben nur aus alten Stoffen und Kleidern neue Dinge gestaltet“, gibt sich Goller bescheiden. Dass die bunten Kreationen (nicht nur) den Mistelbachern gefallen haben, zeigt ein Rundblick durch soziale Medien: Faltenvroni, Mitzitascherl und die bunten Röcke von Zwirnschmalz findet man auf Bildern aus 49 Ländern: von Ecuador bis Alaska, von Georgien bis Japan. „Ich glaube, wir haben schon deutliche Spuren hinterlassen“, lacht Goller.

Es wurde aber nicht nur genäht: Hinter Gollers Haus, seit fünf Jahren jeden Dienstag Nähwerkstatt mit bis zu 25 Teilnehmern, findet sich ein Gemeinschaftsgarten, in dem Obst und Gemüse gemeinsam gezogen wurde. Außerdem wurde zusammen gekocht, Freundschaften und sogar eine Liebesbeziehung entstanden.

Jetzt, wo der Verein aufgelöst wird, spendeten die Zwirnschmalzer das Vereinsvermögen an die Bewegung Mitmensch und an das „Zentrum für Familie und Begegnung“ (vormals ADRA), sie erhielten jeweils 1.064 Euro. Die Stoffreste wurden an zwei Nähprojekte in Wien übergeben, die sich um die Integration von Frauen aus gesellschaftlichen Randschichten engagieren.

Aber was machen die Zwirnschmalzerinnen jetzt, ohne Nähwerkstatt? „Den Gemeinschaftsgarten gibt es weiter, und es gibt immer etwas zu tun!“, ist Goller sicher.