Wege der Bildung in Veränderung. Viel hat sich 2020 in den Schulen verändert. Ein Blick in die Montessori-Schule Wolkersdorf zeigt noch weitere gangbare Wege.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 04. Dezember 2020 (03:34)
An der Montessori-Schule Wolkersdorf hat im November zusätzlich eine Kindergruppe eröffnet. Bürgermeister Dominic Litzka und Stadtrat Stefan Streicher besuchten die Pädagoginnen Waltraud Wallner, Martha Slamenik, Melanie Müller und Anita Rehrmbacher.
C. Slamenik

Das Jahr 2020 brachte Kindern und ihren Eltern neue Erfahrungen, ob sie es sich wünschten oder nicht: Lernen zuhause über den Bildschirm und mit den Eltern stand und steht auf dem Programm. Neue Mittel und Wege der Vermittlung von Inhalten haben so in den Schulalltag Einzug gehalten. Eine große Zahl von Menschen musste sich spontan darauf einlassen.

Schon länger erprobt, aber für viele doch fremdartig ist das Modell der Montessori-Pädagogik. Eine derartige Bildungseinrichtung befindet sich in der Stadtgemeinde, am 3. November eröffnete dort die Kindergruppe den Betrieb. Im Gespräch erzählt die Direktorin der Schule, Martha Slamenik, was den Unterricht in der Kindergruppe ausmacht und warum das verbreitete Bild, dass Kinder an einer Montessori-Schule den ganzen Tag über machen könnten, was sie wollen, ein falsches ist.

„Bei uns steht nicht Lego oder die Puppenküche herum.“ Martha Slamenik, Direktorin

Zwischen 7 und 9 Uhr fängt für die Kinder der Montessori-Kindergruppe der Tag mit den Pädagoginnen an, in zwei Gruppen werden die ganz jungen, bis zu dreijährigen und die schon etwas älteren, bis zu sechsjährigen, Kinder betreut. Bisher mutet das alles noch sehr ähnlich wie der klassische Kindergartenbesuch an, doch schon bald ändern sich die Abläufe: Sinnesmaterialien kommen ins Spiel. „Bei uns steht nicht Lego oder die Puppenküche herum“, verdeutlicht Slamenik, gelernt wird mit Übungen des täglichen Lebens. Die Kinder machen sich ihre Jause selbst, alles ist in dieser Phase des Unterrichts angreifbar. Erst mit fortschreitendem Alter folgt das Abstrahieren ohne Material.

Ein wichtiges Element, um die Kinder mit der Mathematik vertraut zu machen ist zum Beispiel der binomische Kubus. Mit ihm lassen sich die binomischen Formeln am greifbaren Objekt nachvollziehen. Auch der bekannte Mathematiker Rudolf Taschner, welcher derzeit für die ÖVP im Nationalrat sitzt, erklärt die binomische Formel anders, als viele von uns sie im Schulunterricht erlernt haben, mit Flächen und Würfeln – bildlich vorstellbar (anzusehen auf dem Youtube-Kanal mathspacewien unter dem Titel „Die binomische Formel“).

Wichtig ist für die Pädagoginnen der Kindergruppe, die sensiblen Phasen der jungen Kinder bis zum sechsten Lebensjahr nach Vordenkerin Montessori zu erkennen. Direktorin Slamenik erklärt, dass die Kleinen in diesem Lebensabschnitt eine Zeit lang sehr offen dafür sind, Schreiben zu lernen, dann ist es wiederum das Auswendig-Lernen, wofür die Kinder offen sind. Sicherheit spielt in diesem Alter allerdings eine wichtige Rolle: Veränderungen darf es nur kleine geben, geregelte Abläufe haben Priorität. Klare Regeln sind daher Notwendigkeit, innerhalb welcher die Kinder jedoch frei entscheiden können.

Welchen Wert das Mehr an individueller Betreuung für die Kinder haben soll? Sie können in ihrem eigenen Rhythmus ihren Interessen folgen und so Selbstvertrauen und Selbständigkeit entfalten, so die Philosophie der Montessori-Pädagogik. Zentral ist dabei die Freude und Begeisterung am Lernen, welche von den Pädagoginnen selbst vorgelebt werden muss.

Diese Begeisterung ist für den Hirnforscher Gerald Hüther ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg beim Lernen. Direktorin Slamenik sieht durch Forscher wie Hüther die Grundsätze der Montessori-Pädagogik bestätigt. Vorschläge des Forschers beinhalten auch sogenannte Mehrstufenklassen, ein Modell, dass etwa an der Volksschule Großharras praktiziert wird. Nach dem Aufenthalt in der Kindergruppe werden in der Montessori-Schule sechs Schulstufen gemeinsam unterrichtet und dennoch lernen die Kinder verschiedene Inhalte.

Was man auch davon halten mag, dieses Jahr waren die Eltern gezwungen, sich mit ihren Kindern auf Neues einzulassen. Einiges wird in den nächsten Jahren vermutlich nicht bestehen, doch so manch neuartige Methode wird bleiben. Womöglich finden im Angesicht der Digitalisierung noch einige unübliche Modelle breitere Anwendung, vielleicht auch solche der Montessori-Pädagogik. Denn eines hat die Krise gezeigt: Gewohnheiten und Maßstäbe, die gesichert scheinen, können schnell zusammenfallen.