Bezirksärztevertreter Kienast: „Arbeit muss Wert haben“. Ärztevertreter nimmt Politik in die Pflicht: Für Kassenärzte muss sich etwas ändern.

Von Michaela Höberth. Erstellt am 24. September 2020 (04:44)
Bezirksärztevertreter OskarKienast, hier auf der Baustelle seiner neuen Ordination in Hausbrunn, im NÖN-Interview: „Vor allem große Gemeinden werden in Zukunft Probleme haben, Kassenärzte zu finden.“
Imre Antal

Die Stadt Laa steht ohne Kassenarzt da, was für Bezirksärztevertreter Oskar Kienast nur eine logische Konsequenz der Entwicklungen war. Mit der NÖN sprach er über die Situation der Ärzte, welche Verfehlungen er bei der Politik sieht und was getan werden muss, um Kassenstellen wieder attraktiver zu machen.

NÖN: Es ist September, und die Stadt Laa hat noch keinen neuen Kassenarzt gefunden. Eine Überraschung?

Oskar Kienast: Nein. Es war klar, dass die Kollegin aufhören wird und ein Nachfolger gefunden werden muss. Ganz abgesehen davon, dass für 6.000 Leute ein Kassenarzt schon immer wenig war, eigentlich wären drei nach dem normalen Verteilungsschlüssel notwendig. Dass sich die Gemeinde auf einer Kassenstelle ausruht, ist nicht nur kein Ruhmesblatt, es ist auch nicht entschuldbar.

Kaum wurde bekannt, dass die Kassenstelle keinen Nachfolger hat, brach in Laa eine Diskussion über die Schuldfrage aus. Wer ist in Ihren Augen schuld?

Kienast: Das Hauptproblem liegt nicht bei der Gemeinde, Laa ist ja nur ein Beispiel von vielen Städten und Gemeinden, in denen Kassenstellen vakant sind. Es liegt in erster Linie bei der Bundespolitik, die den Versorgungsauftrag hätte, und ihn anscheinend ignoriert.

Welche Verfehlungen sehen Sie bei der Politik?

Kienast: Wir haben Honorare, die lächerlich sind. Dabei geht es nicht nur ums Geld, unsere Arbeit muss einen Wert haben. Wir erhalten für eine Ordination (Anm.: Gespräch und Erstuntersuchung) 8,80 Euro brutto. Davon bleiben uns unterm Strich 2,20 Euro, damit kommt man nicht weit. Hinzu kommt, dass viele Güter, die wir benötigen, immer teurer werden, wie Handschuhe, Masken oder die nötige EDV. Die ständigen Angriffe seitens der Politik - und dazu zähle ich auch die Patientenanwälte - sind nicht hilfreich und verschlechtern das Image der Kassenärzte. Das macht es jungen Ärzten nicht eben leicht, sich für eine Kassenstelle zu entscheiden.

Was können die Gemeinden tun, um sich für Kassenärzte attraktiver zu machen?

Kienast: Auf lange Sicht muss sich die Politik etwas einfallen lassen, da können sich die Bürgermeister am Kopf stellen. Aber eine große Hilfe ist, wenn es ein Objekt in einer Gemeinde gibt, dass man als Arzt nutzen kann. Einmalprämien lösen die Probleme nicht.

Und was ist mit den viel zitierten Hausapotheken?

Kienast: Die sind ein wichtiger finanzieller Faktor. Man muss sagen, dass es viele Praxen gibt, die von der Patientenfrequenz her ohne Hausapotheke nicht zu führen wären. Allerdings gibt es mittlerweile auch auf Stellen mit Hausapotheken nur wenige Bewerbungen.

Was hält Ärzte davon ab, eine Kassenstelle zu übernehmen?

Kienast: Im Spital haben Ärzte geregelte Arbeitszeiten, bezahlten Urlaub, bezahlten Krankenstand und 14 Gehälter. Und sie arbeiten nach Stunden, nicht nach Leistung. Hinzu kommt, dass der Honorarkatalog eine eigene Wissenschaft ist und auch viele Posten limitiert sind bzw. Leistungen nicht berechnet werden.

Die ÖVP Laa hätte ja gerne ein Ärztezentrum. Wie beurteilen Sie diese Idee?

Kienast: Das kann sich die ÖVP abschminken. Wenn ich nicht einmal einen Arzt finde, werde ich nicht drei finden. Genauso wenig hilft die Landarztgarantie vom Land, denn auch die Spitäler haben zu wenig Ärzte.

Was muss also passieren, damit Kassenstellen wieder attraktiver werden?

Kienast: Man müsste den Honorarkatalog ernsthaft mit Vertretern der Ärzte durchforsten und die normale Ordination erhöhen. Sinnvoll wäre auch ein System wie in der Schweiz: Die Ärzte dürfen dort wichtige Sachen wie Schmerzmittel, Blutdruckmittel schon in der Ordination abgeben. Die Patienten müssen dafür auch nirgendwo mehr hinfahren und ich weiß als Arzt, welches Medikament er erhalten hat und welche verfügbar sind.

Und wenn sich nichts ändert, was passiert dann?

Kienast: Dann wird das System kollabieren. Das sagen nicht nur Ärzte, sondern auch Medizinexperten an der Donauuni Krems. Und es wird keine zehn Jahre dauern.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Kassenarzt-Situation im Bezirk entwickeln?

Kienast: Es wird mit der ärztlichen Versorgung immer weiter bergab gehen, wenn nicht wirklich einschneidende Veränderungen erfolgen. Vor allem die großen Gemeinden werden Probleme haben, also Laa, Wolkersdorf und Mistelbach.