150 Jahre Ostbahn: Geburtstag ohne Geschenk. Feier gibt es in Wolkersdorf keine, Herbert Kraus erzählt dafür von den alten Bahnerlebnissen.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 20. November 2020 (04:19)
Herbert Kraus ist Lokführer im Ruhestand, noch bevor er im Führerstand der Züge platz nahm, fuhr er als Schüler viele Jahr von Ulrichskirchen nach Wien. Er erinnert sich an viele amüsante Geschichten, das 150-jährige Jubiläum der Ostbahn ist für ihn besondere Bedeutung.
Szeker

Vor 150 Jahren, am 24. November 1870, fuhr erstmals ein Zug über die stählernen Gleise der Ostbahn. „Für mich ist es großartig, dass man in der Monarchie von Wolkersdorf nach Prag reisen konnte“, kommentiert der Wolkersdorfer Herbert Kraus das große Ereignis. Er war selbst 25 Jahre lang Lokführer bei den ÖBB und von 1978 bis 1984 auf den Lokalbahnen in Mistelbach und des Weinviertels unterwegs.

Für ihn ist das 150-jährige Jubiläum der Ostbahn ein Ereignis, welches mit vielen lebhaften persönlichen Erfahrungen verbunden ist. Eine Szene aus Herbert Kraus jungen Jahren soll dies verdeutlichen: Schauplatz ist der Zug um 6 Uhr ab Ulrichskirchen: viele Arbeiter und Eisenbahner saßen darin. „Da ging es bereits hoch her. Mindestens zwei Partien spielten Tarock über den Gang hinweg“, erinnert sich Kraus.

Bahnfahren als Zusammentreffen

„Da ging es bereits hoch her. Mindestens zwei Partien spielten Tarock über den Gang hinweg“ Herbert Kraus, Lokführer im Ruhestand

Die Gepflogenheiten in den öffentlichen Verkehrsmitteln waren damals noch andere. Vermutlich weil das Bahnfahren zu jener Zeit noch mehr Zusammentreffen mit anderen Menschen war, anstatt nur notwendige Fahrt von Haltestelle zu Haltestelle. Heute sagt man, es war eine weniger flexible Zeit. Doch sind es nicht die Gewohnheiten, wie jene, die Herbert Kraus in Zügen der Ostbahn beobachtete, welche die Kultur des Weinviertels erlebbar machen?

Als Kraus sich im Alter von 15 Jahren im Zug auf dem Weg zur Schule in Wien auf einen freien Platz setzte, gelang ihm das nur bis zur nächsten Haltestelle: Mit den Worten „Burli marschier, do sitz i schon seit 30 Joan“, wurde Kraus vom gewohnheitsrechtlichen Eigentümer des Platzes verwiesen.

Als charakteristisch weinviertlerisch kann auch die folgende Szene betrachtet werden: In Hautzendorf beobachtete Kraus einen Mann, der täglich mit Rucksack zustieg, Was sich darin befand konnte schnell aufgeklärt werden – es wahren mehrere Doppler Wein. „Sehr oft wurde der erste bereits im Zug geöffnet, manchmal gab’s dazu auch Brot und Speck“, erzählt der Ex-Lokführer.

Die lebhafte Geschichte der Laaer Ostbahn hat Kraus, ergänzend zu seinen persönlichen Erinnerungen, im Online-Archiv Topothek mit vielen historisch wertvollen Dokumenten festgehalten. Manche davon berichten über wenig bekannte Ereignisse: Das Neue Wiener Tagblatt vom 10. Mai 1901 berichtet von einem toten Fahrgast im Zug: „Als gestern dreiviertel Elf Uhr nachts der Schnellzug der österreichisch-ungarischen Staatseisenbahn-Gesellschaft hier anlegte, fand man in einem Coupé zweiter Klasse einen Reisenden als Leiche vor“, schrieb die Zeitung. In der jüngeren Geschichte war es nicht ein Toter, welcher der Bahn große Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, aber dennoch ein drastischer Vorfall.

Im November 2018 ist nämlich ein Güterzug auf der Strecke entgleist, zwei Monate war sie gesperrt. Zum Leidwesen der Pendler, welche die Züge der Ostbahn täglich nutzen, um nach Wien zu kommen. Einer von ihnen ist Karl Mechtler, Betreiber der Ladendorfer Pendlerinitiative: „Zwei Monate Streckensperre sind viel zu lang“, ärgerte er sich nach der Entgleisung des Güterzuges. Mechtler ist Verfechter eines zweigleisigen Ausbaus der Linie, wie auch Herbert Kraus.

Ob der Wunsch des Streckenausbaus je Realität wird, ist nach wie vor ungewiss. Im ÖBB-Rahmenplan 2021-26 ist ein derartiges Projekt jedenfalls nicht vorgesehen. Das Geschenk eines zusätzlichen Gleiskörpers zum 150. Geburtstag der Ostbahn bleibt somit aus. Ursprünglich geplant war es allerdings schon vor 150 Jahren, denn die Ostbahn sollte durchgehend zweigleisig erbaut werden.

Die gesellschaftliche Situation um die Bahn ist heute freilich eine andere als noch im 19. Jahrhundert: Damals stand die Bahn in Konkurrenz zum langsamen Beförderungsmittel Pferdefuhrwerk, heute ist es das Auto, welches eine Alternative zur Bahnfahrt darstellt. Ökonomisch sinnvoll genutzt wird das Auto natürlich nicht, denn es steht die meiste Zeit auf einem Parkplatz.

Verändert hat sich in eineinhalb Jahrhunderten auch das Denken über Klima und Umwelt: Der Klimaschutz durch Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen wurde zum großen politischen Ziel auserkoren. Wenn es nicht die Rufe der Pendler sind, so womöglich die politischen Ziele, die schlussendlich doch noch den zweiten Gleiskörper Realität werden lassen.