Eine Stimme rettet VP-Absolute in Perchtoldsdorf. Eine neuerliche Auszählung am Montag sorgte für eine entscheidende Mandatsverschiebung.

Von Christoph Dworak. Erstellt am 28. Januar 2020 (12:41)
Brigitte Sommerbauer und Martin Schuster präsentieren das neue Wahlergebnis.
ÖVP

Martin Schuster ist Polit-Profi, der ÖVP-Mann ist seit 2002 Bürgermeister, seit 2008 Landtagsabgeordneter. Der Sonntag und der Montag werden in seiner Polit-Karriere aber wohl unvergessen bleiben.

Was hätte bei den Gemeinderatswahlen schon passieren sollen? 23 ÖVP-Mandate, alle andere Parteien und Listen 14. Und dennoch hauchte ein völlig deprimierter ÖVP-Spitzenkandidat nach der Auszählung am Sonntagabend ins Telefon: „Es ist etwas passiert. Die Absolute ist weg, wir haben fünf Mandate verloren. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, der Wähler hat so entschieden.“

Getrübte Stimmung herrschte bei der ÖVP-„Party“.
Boe

Der Jubel bei der Opposition war groß: Christian Apl, Spitzenkandidat der Grünen, die zu diesem Zeitpunkt noch ein Plus von drei Mandaten vorzuweisen hatten, hat sich den Verlust der ÖVP „immer gewünscht hatten. Jetzt scheinen sich bisher ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen, die Perchtoldsdorf guttun werden“.

Andreas Koller und Martha Günzl nützen die Wahlnacht nicht nur zum Feiern, sondern auch, um Danke zu „kleben“.
Grüne

Auch der Jubel der Bürgerlisten-Vertreter (von zwei auf fünf Mandate) war unüberhörbar: „Durch dieses tolle Ergebnis sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen, und streben ein Referat für Ortsentwicklung an“, betonte Gabriele Wladyka: „In Perchtoldsdorf bricht eine neue Ära an.“ Und Christoph Müller machte deutlich, dass er mit dem NEOS-Team (zwei auf drei Mandate) „für Koalitionsgespräche gerne zu Verfügung steht“.

Noch am Sonntagabend sickerte durch, dass am Montag noch einmal ausgezählt werden muss. Bei der Auswertung der Vorzugsstimmen seien in mehreren Sprengeln Personen den falschen Parteien zugeordnet worden. Bei der ÖVP keimte wieder Hoffnung auf, zumal nur wenige Stimmen auf das 19. Mandat fehlten.

Am Montagnachmittag dann das nahezu Unfassbare: Eine Stimme rettete tatsächlich die ÖVP-Absolute. „Das ist natürlich sehr bitter“, schüttelte Wladyka den Kopf“: „Die Wahlarithmetik ist zu hinterfragen, weil sie den Großparteien dient. Weiters sind hochgerechnet auf alle Wahllokale rund 50 Stimmen anderer Parteien wegen eines Martin Schuster-Vorzugstimmen Zettels zur ÖVP gewandert.“. Aber: „Wir haben mit drei Mandaten plus den größten Zugewinn zu verzeichnen und werden mit voller Kraft für Perchtoldsdorf arbeiten. Anhören werden wir uns einmal alles.“

„Sehr erstaunliche Punktlandung“

Die Grünen wollen nicht wahrhaben, dass sich „die ÖVP mit genau einer Stimme wieder in die absolute Mehrheit rettet – und das bei einem allseits unerwartet rasanten Sturzflug. Das ist eine sehr erstaunliche Punktlandung, aufsehenerregend, wenn nicht gar atemberaubend“, kann es Apl nicht fassen. Und nachdem noch dazu ein Mandat von den Grünen (nur noch sechs) zur ÖVP gewandert ist, „sammeln wird nun Beobachtungen und prüfen die Sachlage genau“.

Müller bleibt dabei: „Dass die absolute Mehrheit der ÖVP doch gehalten hat, ist trotz allem kein Erfolgszeugnis der ÖVP und des Bürgermeisters. Eine absolute Mehrheit braucht aber auch absolute Kontrolle, dafür sind wir gewählt worden.“

Kein Grund zum Feiern gibt es bei SPÖ-Spitzenkandidatin Susanne Giffinger (nur noch drei Mandate) und der bei FPÖ-Mann Robert Lugar, der froh war, dass „wir wenigstens ein Mandat gehalten haben. Jetzt werde ich mich bemühen, das Maximum herauszuholen“.

Schuster atmete auf und ließ im NÖN-Gespräch den Mitstreitern ausrichten: „Ich werde diese knappe Mehrheit natürlich nicht ausnützen und mit allen Gespräch führen.“ Die Neuauszählung sei von Vertretern aller Parteien und Listen „penibelst kontrolliert worden“.

Dennoch: Eine Wahlanfechtung steht nach wie vor im Raum – Grüne und Bürgerliste prüfen diesen Schritt. Über eine mögliche Wahlwiederholung – auch nur in den betroffenen Sprengeln – entscheide die Landeshauptwahlbehörde, erklärte Bezirkshauptmann Philipp Enzinger auf NÖN-Anfrage.

Christian Apl, Spitzenkandidat der Grünen, ließ Dienstagfrüh aufhorchen:  "Bei der Prüfung bzgl. Anfechtung der Auszählung hat sich herausgestellt, dass die Kundmachung des Wahlergebnisses nicht mit dem Beschlussprotokoll der Gemeindewahlbehörde übereinstimmt. Demnach hätte die ÖVP um 2 Stimmen weniger und 18 Mandate, die SPÖ um 3 Stimmen mehr und die Grünen um ein Mandat mehr. Wir haben die Amtsdirektion umgehend informiert und um baldigste Richtigstellung ersucht. Nun warten wir auf eine entsprechende Stellungnahme seitens der Amtsdirektion"