Integration hat viele „Eltern“. Die Flüchtlingsbewegung hatte vor fünf Jahren auch den Bezirk Mödling fest im Griff.

Erstellt am 09. September 2020 (13:26)
Stanitz

Überfüllte Quartiere, tägliche Polizeieinsätze (Raufereien, Sittlichkeitsverbrechen bis hin zum Meißelmord eines psychisch beeinträchtigten Asylwerbers) prägten die Schlagzeilen. Mittlerweile „ist schon seit Längerem Ruhe eingekehrt“, weiß Oberstleutnant Oliver Wilhelm, stellvertretender Bezirkspolizeikommandant, zu berichten.

Großen Anteil an der Beruhigung der Gesamtsituation haben auch die vielen ehrenamtlichen Organisationen, die sich der Asylwerber annahmen und -nehmen.

Patricia Blaas und Ralf Ringler vom „Flüchtlingsnetzwerk“ in Perchtoldsdorf.
Schüller, privat

Darunter etwa „Connect Mödling“. Zu Beginn sei das ehrenamtliche Engagement der Zivilbevölkerung groß gewesen, erinnert sich Vereinsobfrau Veronika Haschka. Für sie steht nach wie vor außer Zweifel: „Je mehr Unterstützung Flüchtlinge erhalten, desto schneller und besser können sie sich integrieren.“ Essentiell für eine nachhaltige und gelungene Integration seien sozialer Anschluss, das Erlernen der deutschen Sprache, Verständnis für die grundlegenden Eigenschaften der österreichischen Gesellschaft und des Staatswesens. Ein Aspekt, welcher oft unterschätzt wird, ist die psychologische Belastung, mit denen viele Geflüchtete zu kämpfen haben. Auch hier wünscht sich Haschka „mehr Initiative seitens des Staates. Viele dieser jungen Menschen kommen aus Krieg und Zerstörung zu uns, diese Traumata müssen berücksichtigt werden“.

Das Kernteam von „Connect Mödling“ besteht zur Zeit aus 12 Mitarbeiterinnen, weiters gibt es aktuell um die 50 ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Für alle Interessierten, welche ebenfalls helfen und unterstützen wollen, gibt es jeden Freitag ab 15 Uhr die Möglichkeit, in den Räumen der Volkshilfe Mödling den persönlichen Kontakt zu suchen.

Nalina Joulack (31) kam aus Syrien nach Mödling. Deutsch zu lernen war für die studierte Englisch-Lehrerin aus Aleppo „nicht so schwierig wie für viele andere“. Die Verbindung zu „Connect Mödling“ knüpfte sie über einen Deutschkurs und ist seitdem eng mit dem Verein verbunden.

Für sie ist es wichtig, die Integration von zugewanderten Menschen zu unterstützen. „Ich möchte meine Position nutzen, um anderen Menschen, die vertrieben wurden und hier ein neues Leben anfangen möchten, zu helfen.“ Jetzt besucht Joulack das Bundesinstitut für Sozialpädagogik in Baden, um auch im beruflichen Bereich mehr Stabilität zu erreichen. Für sie ist der Neuanfang in Österreich „eine Herausforderung, aber auch eine große Chance: Ich möchte ein gutes Leben für meine Familie hier in Österreich haben und eine sichere Zukunft für meinen Sohn“.

Im Angebot: Hilfe zur Selbsthilfe

Wenn es um Hilfe für geflüchtete Menschen geht, darf auch das „Flüchtlingsnetzwerk Perchtoldsdorf“ nicht fehlen, das über Initiative von Inge Schedler, der jetzigen Betreiberin des „Joe“ (Teecafe) und Karin Riss ins Leben gerufen wurde. Als die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 richtig begann, „haben wir die Syrer, Iraker und Afghanen in jeder Altersgruppe vor allem in Traiskirchen von der Straße aufgesammelt und sie zu freiwilligen Unterstützern aus Perchtoldsdorf gebracht“, erinnert Vereins-Mitglied Patricia Blaas.

Kenan Tawbeh studiert, lehrt Arabisch und blickt Vaterfreuden entgegen.
NOEN

Seitdem bietet das „Flüchtlingsnetzwerk“ den Menschen vom Büro im Kulturzentrum Perchtoldsdorf Hilfe in jeglicher Hinsicht. „Ich nenne es immer Hilfe zur Selbsthilfe“, betont Blaas. „Ich helfe, in dem ich ihnen Tipps gebe und ihnen Dinge erkläre, sie erledigen ihre Angelegenheiten jedoch selbst, um es zu lernen.“

Derzeit sind in Perchtoldsdorf etwa 60 Asylberechtigte gemeldet. Davon haben viele – vor allem dank Jobkoordinator Ralf Ringler – einen Job gefunden.

Einer davon ist Kenan Tawbeh (33). Der Syrer landete mit seiner Mutter vor fünf Jahren in Traiskirchen. „Danach wurden wir in eine Unterkunft in Hainburg verlegt“, erzählt Tawbeh im NÖN-Gespräch. „Meine Mutter war in der Zwischenzeit erkrankt. In Hainburg bot uns eine Dame ihre Hilfe an. Sie ließ uns zu einem Arzt in Perchtoldsdorf bringen, bei welchem wir auch wohnen durften.“

Das familiäre Glück in Perchtoldsdorf gefunden

Schon bald erfuhr er von dem „Flüchtlingsnetzwerk“ und auch von dem Deutschkurs im Pfarrheim. „Nach und nach habe ich mich in Perchtoldsdorf eingelebt.“ Tawbeh gab einen Arabischkurs für Kinder und auch Erwachsene, bei welchem er seine jetzige Freundin Elena kennenlernte. „Ich habe meinen Pflichtschulabschluss in Wien absolviert und mein Maturazeugnis aus Syrien übersetzen lassen. Jetzt studiere ich angewandte Elektronik an der Fachhochschule.“ Für dieses Vorhaben ist der Perchtoldsdorfer seit September in Bildungskarenz und macht somit eine kleine „Pause“ von seinen Barista-Tätigkeiten im „Joe“ in Perchtoldsdorf. Ab dem 1. Oktober wird Tawbeh auch wieder einen Arabischkurs in der VHS Perchtoldsdorf-Leonhardiberggasse geben. Eines ist bereits jetzt sicher: 2021 wird für Kenan und Elena unvergessen werden, denn ihr Sohn wird Anfang des Jahres das Licht der Welt erblicken.

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