Hauptort sucht man vergebens. Vor 50 Jahren sind die Weichen für die Gemeinde „Wienerwald“ gestellt worden. Der Name findet sich nur als Zusatz wieder.

Von Michelle Schüller. Erstellt am 22. April 2021 (03:44)
Bürgermeister Michael Krischke zeigt auf die Ortstafel Sulz, jenem Ortsteil, der der einwohnerstärkste und zugleich „Sitz“ des Gemeindeamtes ist.
Gemeinde, Gemeinde

Mit 48 Quadratkilometern ist Wienerwald die flächenmäßig größte Gemeinde im Bezirk Mödling. Ein Ortsschild „Wienerwald“ sucht man allerdings vergebens: „Ja, es heißt Gemeinde ‚Wienerwald‘, jedoch gibt es trotzdem noch verschiedene Orte wie Sittendorf, Grub oder Sulz. Gebe es nur ein Schild mit der Aufschrift ‚Wienerwald‘, würde sich niemand auskennen, in welchem Ort er sich befindet. Daher sind die Ortsschilder mit dem Zusatz ‚Gemeinde Wienerwald‘ versehen“, erklärt Bürgermeister Michael Krischke, ÖVP.

Altbürgermeister Leopold Schmölz, damals ÖVP, erinnert sich an die Zeit vor 50 Jahren: „Viele Bürger hat das Ganze damals nicht wirklich interessiert, aber die Gemeinderäte wollten die Zusammenlegung nicht.“

„Ich habe damals den Namen Wienerwald erfunden.“ Alt-Bürgermeister Leopold Schmölz

Woher der Name der heutigen Gemeinde kommt, weiß Schmölz ganz genau: „Ich habe damals den Namen ,Wienerwald’ erfunden.“ Auch Streiterein gab es einige: „Sowohl Sittendorf als auch Sulz wollten die Sitzgemeinde sein. Sulz hatte das Problem, keine Infrastruktur und vor allem keine Wasserleitung zu haben, Dornbach wäre allein nicht lebensfähig gewesen. Insofern war es von der Verwaltung her der richtige Schritt, die Orte zusammenzulegen. Die ersten eineinhalb Jahre waren sehr turbulent und schwierig, der damalige Bürgermeister wurde mit einem Misstrauensantrag von den eigenen Leuten abgesetzt, ich habe das Amt 1974 übernommen.“

Mirko Bernhard, SPÖ, ehemaliger und langjähriger Vizebürgermeister, erinnert sich „ an mehrere Pläne. Eine Variante war, Gaaden, Sparbach und Sittendorf zusammenzulegen. Die andere sah eine Zusammenlegung von Grub, Dornbach, Sulz und Sittendorf vor. Das löste heftige Debatten aus, denn die drei Gemeinden wollten nicht zu Sulz.“

Feuerwehr-Fusion nicht geglückt

Trotzdem sind die Ortsteile immer eigenständig geblieben, erzählt Bernhard. „Bürgermeister Schmölz wollte damals die vier Feuerwehren zusammenlegen, da hat er sich aber gehörig die Finger verbrannt und schließlich darauf verzichtet. Es war dann sein Verdienst, dass fast jeder Ortsteil etwas Bestimmtes erhielt. Sittendorf die Schule, Sulz das Gemeindeamt, Grub den Kindergarten.“

Heute ist die Zusammenlegung kein Thema mehr bei den Bewohnern, weiß Krischke. „Wir haben eine hohe Anzahl an zugezogener Bevölkerung im Wienerwald, welche daher nur den derzeitigen Zustand kennt. Trotz aller Harmonie in der Gemeinde sehen sich aber die Bewohner von Sulz weiterhin als die Sulzer, die Bewohner von Grub weiterhin als die Gruber. Das wird auch so bleiben und ist vollkommen in Ordnung.“

Als Vorteil sieht Krischke die Zusammenlegung vor allem bei der Umsetzung verschiedener Projekte. „Man kann einfach bei einem großen Ganzen mehr auf die Beine stellen. Ein Nachteil ist jedoch, dass dieses ‚Jeder kennt jeden‘ verloren gegangen ist.“

Christopher Starzer, Feuerwehrkommandant in Grub, und Robert Heindl, FF-Chef in Sittendorf, sind sich einig: „Die Zusammenarbeit funktioniert aber einwandfrei.“ Starzer betont: „Es ist etwas Besonderes, in einer Gemeinde vier Feuerwehren zu haben.“ Angst vor einer Zusammenlegung der Feuerwehren haben die beiden nicht. „Heute kann sich die keiner mehr vorstellen“, so Heindl.

Kleinräumiges Denken ist out

Günther Bergauer, Obmann des Sittendorfer Vereins „ProSitt“ weiß, dass „sich mittlerweile kaum jemand mehr etwas anderes vorstellen kann als die gemeinsame Gemeinde. Natürlich gibt es trotzdem Einwohner, die sich noch immer Gedanken machen. Man muss sich jedoch eingestehen, dass die Zeit des kleinräumigen Denkens vorbei ist“.

Der geschäftsführende Gemeinderat aus Dornbach, Robert Rattenschlager, ÖVP, hat in seinen 29 Jahren im Gemeinderat einiges zum Thema Zusammenlegung mitbekommen. „Es gab Rivalitäten, ja, aber vor allem für Dornbach, welches damals keine Infrastruktur hatte, war es ein positiver Schritt.“ Am meisten freut sich Rattenschlager, dass Dornbach als kleinste Katastralgemeinde mit dem wenigsten Zuzug, seinen Dorfcharakter behalten hat. „Es ist immer wieder schön, zu sehen, dass bei Dorffesten Menschen aus allen Orten herkommen.“

„Eine sehr gute Entscheidung“, findet Karin Höß, geschäftsführende ÖVP, Gemeinderätin von Sulz, dass jeder Ortsteil etwas Bestimmtes vorweisen kann. „Ich finde es gut, dass es nicht in einem Ort alles gibt und die anderen nichts haben, es ist eine gute Aufteilung.“ Dass es die Einwohner von Sulz stört, dass sie für Kindergarten und Volksschule in einen anderen Ort fahren müssen, sei ihr „nicht bekannt. Es steckt eine gute Organisation dahinter, wie etwa der Kindergartenbus, welcher sehr gern angenommen wird“.