SOS Kinderdorf Leiter Gerhard Haller: „Mehr Angebote für Jugendliche“

Erstellt am 12. Februar 2022 | 05:42
Lesezeit: 3 Min
440_0008_8280145_mod06jj_Gerhard_Haller
Jugendliche sollen ein Jahr bekommen, in dem sie ihre berufliche Richtung durch Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten festlegenkönnen. Das fordert auch SOS Kinderdorf Guntramsdorf-Leiter Gerhard Haller.
Foto: JJ
Psychiatrische Therapien sind Mangelware. Pandemie erhöhte Bedarf drastisch.
Werbung

Gerhard Haller ist neuer Leiter des SOS-Kinderdorfes Guntramsdorf und damit für die Jugend-Wohngruppen in Möllersdorf, Guntramsdorf, Hinterbrühl und Brunn am Gebirge zuständig. Die Unterbringung von Jugendlichen im Alter von 13 Jahren bis kurz vor ihrem 21. Geburtstag erfolgt auf freiwilliger Basis in Absprache mit den Jugendlichen und deren Eltern.
„Manche Jugendliche waren vorher in einer psychiatrischen Betreuungseinrichtung wie etwa in der Hinterbrühl untergebracht. Viele waren zuvor bei ihren Eltern, die Jugendlichen kommen aus ganz Niederösterreich, manchmal auch aus anderen Bundesländern, wenn der Platzbedarf es erfordert“, erzählt der Sozialpädagoge.
Neun Jugendliche haben in einer Wohngemeinschaft Platz und der Bedarf nach einer Unterbringung in einer betreuten Gruppe steigt seit Corona ebenso wie der nach mehr und leistbaren psychotherapeutischen Betreuungsmöglichkeiten.

Im ersten Lockdown rückten die Jugendlichen noch zusammenrücken und es war „Wir-Gefühl“ zu spüren. Diese Effekte verpufften während des Lockdowns im Herbst 2020. „Die Situation war sehr bedrückend für unsere Jugendlichen, für viele war Distance Learning keine Option, auch die Kontaktreduktion, es durften keine Freunde in die Wohngemeinsachften kommen, und die herbstliche Stimmung machte vielen zu schaffen. Omikron hat den ganzen Plan jetzt noch einmal durcheinander gewirbelt, das trifft alle Jugendlichen.“

Das merke auch das Team von „Rat auf Draht“ an der steigenden Zahl der Anrufe von Jugendlichen, die von Sorgen und Problemen geplagt werden. „Es kommen mehr Anfragen nach Unterstützung, es werden vermehrt Wohnplätze gesucht, es gibt viel zu wenig krankenkassenfinanzierte Psychotherapieplätze. Auf einen Kassenplatz muss man mindestens fünf Monate warten“, erzählt Haller.

Triage bei psychischen Erkrankungen ist Realität


Für ihn ist klar: „Die Triage in der Behandlung von psychischen Krankheiten ist längst Realität. Denn es muss abgeschätzt werden, welche Jugendlichen einen Behandlungsplatz am dringendsten benötigen.“ Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Angebote der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Erreichung des 18. Lebensjahres enden.

„Man muss sich vorstellen, da hat ein Jugendlicher eine gute Beziehung zu dem oder der Therapeutin aufgebaut, und dann muss er von heute auf morgen die Therapie abbrechen, weil er 18 geworden ist.“ Was fehlt, sei ein Übergang, denn in einer Erwachseneneinrichtung seien junge Leute oft nicht richtig untergebracht.

„Den Jugendlichen fehlen pandemiebedingt die letzten zwei Jahre ihres Lebens.“

Dass die Anzahl der Jugendlichen mit Problemen wie Überforderung in der Schule oder Essstörungen steige, betreffe alle Jugendlichen. „Wer in der Schule nicht mehr mitkommt oder nicht weiß, in welche Richtung er sein Leben entwickeln soll, der kommt sehr rasch unter die Räder. Den Jugendlichen fehlen pandemiebedingt die letzten zwei Jahre ihres Lebens.“
Deshalb fordert das SOS Kinderdorf „ein Orientierungsjahr für alle Jugendlichen in der Lebensphase zwischen 18 und 21. Ein Jahr lang sollen sich junge Erwachsene ausprobieren können, um ohne ökonomischen Druck herauszufinden, was sie beruflich mit ihrem Leben anfangen wollen“.

Werbung