Polit-Umbruch in Perchtoldsdorf eingeleitet. Martin Schuster zieht nach 30 Jahren im Gemeinderat und 19 Jahren als Bürgermeister Schlussstrich.

Von Christoph Dworak. Erstellt am 04. Juni 2021 (05:30)
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Er stand schon immer an vorderster Front. Ob als Schulsprecher im Gymnasium oder Soldatensprecher in der Bundesheerzeit. Oder als – damals noch – parteifreier (Jung-)Gemeinderat, der sich 1991 durch die Gründung des Jugendtreffs „Das Zelt“ im Burghof einen Namen gemacht hat. Und als Bürgermeister. Jetzt ist – vom Zeitpunkt her – völlig überraschend Schluss mit der Gemeindepolitik: Martin Schuster verkündete am Freitag nach 19 Jahren das Ende seiner Ortschef-Ära. ÖVP-Bezirksparteivorsitzender und Landtagsabgeordneter bleibt der 54-Jährige weiterhin.

NÖN: Warum erfolgte der Schritt genau jetzt und nicht gleich nach der Gemeinderatswahl 2020, zur Halbzeit der Gemeinderatsperiode oder ihrem 20-jährigen Bürgermeisterjubiläum im nächsten Jahr?

Martin Schuster: Ich denke nicht in persönlichen Jubiläen. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass die Zeit für ein neues Team jetzt reif ist. Das für die ÖVP nicht gerade erfreuliche Ergebnis bei den Gemeinderatswahlen war für diesen Schritt nicht grundsätzlich ausschlaggebend, hat aber gezeigt, dass meine schon lange gehegten Überlegungen, nicht mehr kandidieren zu wollen, nicht so unrichtig waren. Aber: Ich befasse mich mit der Zukunft, nicht mit der Vergangenheit.

Andrea Kö gilt als designierte Nachfolgerin. Welche großen kommunalen Brocken hinterlassen Sie ihr?

Schuster: Zum einen stimmt es, dass Andrea Kö von unserer Partei zu meiner Nachfolgerin vorgeschlagen wird. Zum anderen ist das auch ein Grund, warum ich jetzt als Bürgermeister zurücktrete: Gemeinsam mit unserem Koalitionspartner, den Grünen, ist es gelungen, das unfassbar schwierige Corona-Jahr zu meistern. Wir haben die Krise höchst erfolgreich bewältigt, konnten Förderungen und soziale Unterstützungen anbieten und rasch perfekt funktionierende Test- und Impfstraßen auf die Beine stellen. Und was das Kommunalpolitische betrifft, haben wir ein enormes Arbeitspensum hingelegt, das wegen Corona regelrecht untergegangen ist. Ich denke da nur an die Verabschiedung des neuen Raumordnungsprogrammes oder die personellen Weichen, die wir gestellt haben; es gibt nur noch drei Abteilungen, deren Leiter im Gemeinderat bestätigt wurden. Mit einem Wort: Die großen Brocken sind erledigt, es ist – salopp formuliert – im Gemeindeamt z’sammgräumt.

Was hat sich in Ihren 30 Jahren Kommunalpolitik geändert?

Schuster: Ganz klar – die Kommunikation. Die Sozialen Medien haben die Erwartungshaltung der Bürgerinnen und Bürger, in welcher Geschwindigkeit was zu passieren hat, enorm geändert. Jedes Problem muss sofort gelöst werden. Positiv haben sich die Themen Jugend und Umweltschutz entwickelt, für die ich mich schon vor 30 Jahren eingesetzt habe. Das war vor drei Jahrzehnten nicht selbstverständlich und ein Bohren in sehr harten Brettern.

Was werden Sie in Ihrer Amtszeit in positiver Erinnerung halten?

Schuster: Sicherlich den Umbau der Burg. Damals ist ein kurzes Zeitfenster aufgegangen, wo alles gepasst hat. Vor allem finanziell. Das haben wir genutzt. Ebenso perfekt ist der Bau der Siegfried Ludwig-Halle gelaufen.

Welche negativen Erinnerungen bleiben?

Schuster: Der lange Weg der Herbergsuche für das Schwedenstift, der sehr unschöne Diskussionen hervorgebracht hat. Umso mehr freut es mich immer noch, dass dieser Weg mit vielen Hürden in der Theresienau ein Super-Ende gefunden hat.

Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Schuster: Auch, wenn kein Schaden erwachsen ist: diesen ehemaligen Trend zu Auslagerungen und Bildung von GmbHen würde man heute nicht mehr gehen. Und ich würde mich freuen, wenn die Gemeinden künftig nicht mehr Baubehörde 1. Instanz sind. Diese Aufgabe ist für das tägliche Miteinander zwischen dem Bürgermeister und den Bürgern nicht zielführend. Ich denke, das Bauwesen ist bei der Bezirksverwaltungsbehörde besser als in der Gemeinde aufgehoben.

Ein Thema, das Sie als Landtagsabgeordneter weiter verfolgen werden?

Schuster: Ja. Und ich werde mich im Land natürlich weiterhin bemühen, das Beste für Perchtoldsdorf und den Bezirk Mödling rauszuholen.

Nach 19 Jahren als Bürgermeister, Tausenden Terminen und Ehrungen: Was wird Ihnen nicht fehlen?

Schuster: Das kann ich noch nicht abschätzen. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich am Abend immer gerne zu Terminen gegangen bin. Aber sobald du dich dem Ort des Geschehens näherst, spürst du Riesenspaß aufkommen. Viel wird sich nicht ändern, zumal ich als Landtagsabgeordneter und Landeshauptfrau-Vertreter nach wie vor unterwegs sein werde. Allerdings werden es sicher weniger Termine sein, das kann der Lebensqualität nur guttun.

Was wünschen Sie Andrea Kö?

Schuster: Dass sie sich blind auf ihr Team verlassen kann und es ihr den Rücken freihalten wird. Und dass das Vertrauen der Bevölkerung, das mir entgegengebracht wurde, auf sie übergeht.

Wie wird das neue ÖVP-Team aussehen? Auch die langjährige Kulturreferentin und Ex-Vizebürgermeisterin Brigitte Sommerbauer legt ihr Mandat zurück.

Schuster: Das wird sich erst entschieden. Am 8. Juni haben wir Parteitag, am 15. Juni leite ich die letzte Gemeinderatssitzung, am 18. Juni lade ich zu einem Empfang samt Rück- und Ausblick, am 23. Juni steht dann die Neuwahl an. Im Herbst kandidiere ich erneut als ÖVP-Bezirksparteivorsitzender und für den NÖ-Landtag möchte ich 2023 erneut antreten.

Die ÖVP hält aktuell 18 der 37 Mandate, die Grünen 7, die Bürgerliste 5, SPÖ und NEOS je 3 und die FPÖ 1.