Erstellt am 17. August 2015, 15:05

„Als Nazi hingestellt“. Die Ablehnung der Installation von Marika Schmiedt hat für großes Aufsehen gesorgt. Ortschef Paul Horsak musste einige Kritik einstecken.

Bürgermeister Paul Horsak betont: »Ich war immer gesprächsbereit.« Jetzt will er bei den ÖBB anfragen, ob beim Bahnhof Platz für das geplante Mahnmal ist.  |  NOEN
Mit so einer Aufregung hat Bürgermeister Paul Horsak nicht gerechnet. Wie berichtet hat sich der VP-Ortschef gegen eine Installation ausgesprochen, mit der Marika Schmiedt an das Schicksal von Sinti und Roma erinnern möchte.


„Ich habe ganz böse Briefe bekommen, sogar aus New York. Die Gemeinde wird angegriffen. Ich werde als böser Nazi hingestellt“, sagt der VP-Ortschef gegenüber der NÖN. Die ganze Situation sei alles andere als angenehm: „Aber so etwas gehört dazu, das muss man mittragen“, so Horsak.

Zahlreiche Zeitungen haben über die Ablehnung des Kunstprojekts berichtet. Im „Standard“ gab es über 200 Postings zu der Geschichte. Am Donnerstag hat der ORF im ZIB-Magazin über Kirchstetten und den Umgang mit der Geschichte einen Beitrag gesendet.

Paul Horsak betont, dass er immer gesprächsbereit sei. Er habe aber von Marika Schmiedt im Vorfeld zu wenig Informationen bekommen. Und am vorgesehenen Standort zwischen Bahnhof und Gemeindeamt sei zuwenig Platz für die Installation. „Ich werde Kontakte knüpfen und versuchen, ob es auf ÖBB-Grund einen Platz gibt. Das ist die einzige Möglichkeit. Ich will ja nichts verhindern.“ Gegen eines wehre er sich allerdings: „Dass Kirchstetten als Ort der Verdammnis dargestellt wird.“

Suche nach einem anderen Standort

Ob der Vorschlag von Bürgermeister Horsak eine Option sei, wollte die NÖN von Marika Schmiedt wissen. Antwort: „Für mich ist das auf jeden Fall eine Option und auch die beste Lösung!“ Die Aktionskünstlerin betont aber eines: „Womit ich nicht einverstanden bin, ist, wenn mir vorgeschrieben wird, wie Gedenken auszusehen hat, was erwähnt werden darf und was nicht.“ Horsak hatte im ORF-Interview erklärt, er sei dagegen, dass angriffig, plakativ und aggressiv gemahnt werde.

Wichtig wäre, so Schmiedt, wenn der Bürgermeister endlich einsehen würde, dass es nicht um Schuld gehe oder darum, an den Pranger gestellt zu werden. „Die Reaktion macht nochmals deutlich, wie wichtig das Projekt ist“, sagt die Künstlerin. Ob die geplante Installation „Futschikato - Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten“ von Marika Schmiedt jetzt doch in Kirchstetten aufgebaut wird, war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Eines ist aber schon bekannt: Dass sich das Kirchstettener Projektteam „Zeitzeigen“ mit dem Schicksal der Roma und Sinti in Kirchstetten befassen will.

Auch „Zeitzeigen“ widmen sich dem Thema

Nach der Ausstellung „80 Jahre Leben im Dorf“ vor vier Jahren und einer Schau über den Ersten Weltkrieg vor zwei Jahren will sich das Zeitzeigen-Team bei der nächsten Ausstellung – wahrscheinlich 2016 – unter anderem auch den Sinti und Roma widmen. Leo Rollenitz erklärt auf Anfrage der NÖN: „Wir haben schon länger vorgehabt, dass wir diese Geschichte bei der nächsten Ausstellung thematisieren. Ich sehe schon, dass es da Versäumnisse gibt.“

Reaktionen

x  |  NOEN, Archiv
Grüne. Der Grüne Parlamentsclub hat wie berichtet heftige Kritik am Bürgermeister geübt. Der Kirchstettener Grünen-Gemeinderat Gerhard Waldschütz wundert sich über die Aufregung: „Ich verstehe den ganzen Wirbel nicht mehr. Der Bürgermeister hat das Projekt nur abgelehnt, weil dort, wo die Künstlerin es wollte, kein öffentlicher Grund zur Verfügung steht, der groß genug ist.“ Gerhard Waldschütz hat versucht, zwischen Künstlerin und Gemeindeoberhaupt zu vermitteln: „Ich habe beide gebeten, das Gespräch zu suchen. Ob es dazu gekommen ist, weiß ich nicht.“




 

SPÖ. Die Aussage von Bürgermeister Paul Horsak „Erinnerung ja, aber es muss auch einmal Schluss sein mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung“ sorgt bei der Sozialistischen Jugend für Empörung.


x  |  NOEN, privat
„Tatsächlich gab es in Kirchstetten seitens der Politik bisher wenig Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen. Noch immer gibt es einen Kindergarten, eine Straße, einen Platz und eine Brücke, die nach dem Nazi-Dichter Josef Weinheber benannt sind“, stellt Marie Chahrour von der Sozialistischen Jugend fest.

„Rechte sind in ganz Europa wieder auf dem Vormarsch. Minderheiten werden wieder ausgegrenzt und die Nähe zum Nationalsozialismus wird wieder salonfähig. Es ist wichtiger denn je, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen“, erklärt die Kirchstettenerin, die im Landesvorstand der Sozialistischen Jugend Niederösterreich sitzt.

Die Aussagen von Paul Horsak seien eine Beleidigung für die Opfer und „zeugen von historischer Unsensibilität.“ Und: „So lange einem bekennenden Nationalsozialisten wie Josef Weinheber durch die Benennung des Kindergartens und von Verkehrsflächen gedacht wird, wurde nichts verstanden“, zeigt sich Chahrour empört.

Der Bürgermeister sei aufgerufen, Umbenennungen vornehmen zu lassen und aktiv am Aufarbeitungsprozess teilzunehmen. „Wir laden Herrn Horsak gerne zu unserer jährlichen Studienreise in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz ein. Dort wird schnell klar: Wir dürfen niemals vergessen!“, so Chahrour.