Heimhilfe bestahl 95-Jährige . Heimhilfe leugnete erst hartnäckig, ließ sich schlussendlich aber doch auf eine Diversion ein.

Von Alex Erber. Erstellt am 31. Juli 2020 (03:12)
Symbolbild
APA

„Ja, ich bin mit der Diversion einverstanden!“ Eine Verhandlung am Landesgericht St. Pölten und 40 Minuten einer zweiten Verhandlung dauert es, ehe sich die Angeklagte zu dieser Verantwortung durchringen kann, die einem Geständnis gleichkommt.

Der Reihe nach: Eine 27-Jährige steht vor dem Richter, weil sie eine 95-Jährige betrogen haben soll. Die rüstige Frau ging zum Einkauf, konnte nicht bezahlen, weil sie die Bankomatkarte nicht dabei hatte. Dabei befindet sich die Karte, wie auch die Schwester des Opfers als Zeugin versichert, stets in der Einkaufstasche. Die 95-Jährige kontaktierte ihre Schwester (81). Gemeinsam suchte man dann nicht nur in der Einkaufstasche, sondern in Körben oder Mänteln. Die Bankomatkarte blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Wenig später kam die Heimhilfe ins Haus, wühlte in der Einkaufstasche und siehe da, die Bankomatkarte tauchte im Nu wieder auf.

Sohn bemerkte Leck am Konto

Der Seniorin schwante Böses, sie informierte umgehend ihren Sohn. Dieser nahm Kontakt mit der Bank auf und es stellte sich heraus: Tatsächlich wurden zwei Behebungen zu jeweils 400 Euro getätigt.

„Die Frau hat mich gebeten, die 800 Euro zu beheben und hat mir die Karte gegeben“, behauptet die Angeklagte. „Das habe ich sicher nicht“, sagt die betagte Frau in der ersten Verhandlung.

Am zweiten Prozesstag werden zunächst die Schwester und der Lebensgefährte der Angeklagten einvernommen. Ob das Opfer vielleicht schon verwirrt sei, möchte der Advokat der 27-Jährigen wissen. „Sie ist 95 und wir alle können froh sein, wenn wir in diesem Alter in einem so guten Zustand sind“, sagt die 81-Jährige mit fester Stimme.

Der Lebensgefährte wiederum gibt gerne die Einkommensverhältnisse des Paares preis. Die Heimhilfe hätte es demnach absolut nicht nötig gehabt, 800 Euro zu stehlen.

Zum Verhängnis wird der Angeklagten, dass sie behauptet, alle finanziellen Vorgänge seien in einer „Einkaufsgeld-Übersicht“ aufgezeichnet. Die Schwester des Opfers kennt eine solche Übersicht nicht. Und die Landespflegedirektorin des Roten Kreuzes erklärt im Zeugenstand, dass es eine solche Liste bei der 95-Jährigen niemals gegeben hat und nicht gibt. Überdies müssten sämtliche Geldbehebungen von Klienten selbst durchgeführt werden.

Warum also eine Liste zur Entlastung, wenn es sie gar nicht gibt? Dieser Umstand macht den Richter stutzig. Er erklärt dem Rechtsanwalt, dass der geforderte Freispruch nicht möglich sein wird und bietet Diversion an.

Anwalt überreicht Geld noch im Gerichtssaal

Nach zwei Minuten kurzer Beratung mit ihrem Rechtsvertreter nimmt die Angeklagte an, der Anwalt überreicht dem anwesenden Sohn noch im Gerichtssaal 800 Euro. Weitere 3.200 Euro Gerichtskosten sind zu bezahlen, dafür bleibt das Leumundszeugnis blütenrein.

Abschließend die gute Nachricht für alle Senioren: Die 27-Jährige ist nicht mehr im Pflegedienst tätig, sondern arbeitet jetzt in einem Online-Marketing-Unternehmen.