Erstellt am 28. August 2012, 00:00

„Mit Peitsche oder Kochlöffel traktiert“. ANKLAGE / Entschädigung für die Behandlung im Kinderheim in Wimmersdorf wollen jetzt ehemalige Zöglinge einfordern.

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VON RENATE HINTERNDORFER

WIMMERSDORF / Mit einem Mahnmal wollen ehemalige Bewohner des Kinderheims in Wimmersdorf an ihr Leid erinnern: „Die Leute sollen nicht vergessen, was hier passiert ist.“

Prügel und Missbrauch aller Art seien auf der Tagesordnung gestanden, auch schwere Arbeit hätten die Kinder leisten müssen, so lauten die Vorwürfe.

1981 hat die Stadt Wien den Vertrag mit dem Heim aufgelöst, ehemalige Heimkinder gehen jetzt an die Öffentlichkeit. Nach einem Bericht in der ORF-Sendung „Am Schauplatz“ haben sich mehrere Betroffene bei der NÖN gemeldet. „Wir haben wegen jeder Kleinigkeit eine Watsche oder eine Kopfnuss bekommen. Der Frust ist an uns abgelassen worden. Es wurde Druck ausgeübt, verbal oder durch körperliche Gewalt“, schildert Horst Stangl. Drei Jahre war er im Heim in Wimmersdorf untergebracht: „Es waren alltägliche Torturen. Wenn man als Kind mit der Peitsche oder mit dem Kochlöffel traktiert wird, dann stumpft man ab. Aber Narben an der Seele bleiben.“ Sein ganzes Leben hätten ihn die Vorkormnisse im Kinderheim begleitet, sagt der heute 52-Jährige. Eine Familie habe er nicht gegründet, weil er keine Liebe zu jemandem aufbauen könne. Was Horst Stangl nicht versteht: „Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen.“ Der Wiener überlegt jetzt, ob er um eine Entschädigung kämpft.

So wie Rudolf Prinesdomu. Der heute 48-Jährige war von 1973 bis 1978 im Heim in Wimmersdorf. Eine Wiedergutmachung für das Leid gäbe es nicht, sagt er: „Das war Kinderfolter. Aber wir können mit unserer Anklage nirgends hingehen. Heute sagt man, das ist verjährt.“ Viele hätten wegen ihrer Vergangenheit im Heim keine Lehrstelle, keine Arbeit, kein Geld bekommen: „Das ist alles zusammen eine Katastrophe. 700 Euro Strafe gibt es für einen Schlag ins Gesicht. Ich habe jeden Tag einen Schlag ins Gesicht bekommen. Ich habe fünf Euro Entschädigung pro Tag vom Weißen Ring bekommen.“ Hass habe er keinen: „Es ist passiert. Aber ich möchte eine ordentliche finanzielle Wiedergutmachtung.“

Genau mit solchen Forderungen hat der Asperhofener Bürgermeister Josef Ecker ein Problem: „Dass sich manche Leute eine Opferpension erpressen wollen, finde ich nicht okay. Wenn jeder, der mit Gewalt in Verbindung gekommen ist, eine Opferpension will, dann ist der Staat pleite. Und da wären ja alle Österreicher, die ein Leben lang gearbeitet haben, dumm.“ Drei ehemalige Heimbewohner waren beim Bürgermeister und wollten Auskünfte über die Kindereinrichtung von ihm: „Die konnte ich ihnen nicht geben. Da ist nicht die Gemeinde Asperhofen zuständig, da ist die Stadt Wien zuständig.“ Die Kinder seien arm gewesen, wenn sie kein intaktes Elternhaus gehabt hätten, so Ecker: „Da gibt es aber auch eine Eigenverantwortlichkeit der leiblichen Eltern. Man kann nicht alles auf den Staat abschieben und nach 50 Jahren kommt man drauf, dass da etwas schief gelaufen ist.“

Zur Frage nach Entschädigungen erklärt Mag. Florian Weis, Mediensprecher der Stadt Wien, dass sich alle Opfer an den Weissen Ring wenden können: „Der Weisse Ring wurde von der Stadt Wien beauftragt, Entschädigungen für Opfer der Wiener Jugendwohlfahrt abzuwickeln. Insgesamt haben sich bis jetzt 1.252 Opfer der Wiener Jugendwohlfahrt gemeldet. 858 Fälle wurden behandelt. Von den behandelten Fällen wurde bis jetzt insgesamt 623 Opfern finanzielle Entschädigung bewilligt, und 414 Opfern zusätzlich auch Psychotherapie zugesprochen. Davon waren 37 Fälle aus dem Heim Wimmersdorf .“

Bis 1981 war das Heim in Betrieb, jetzt ist das Gebäude in Privatbesitz.ZVG/PINTARELLI