Region Wienerwald bietet "Börse für die Bienen".  Die Landwirtschaftskammer Niederösterreich hat eine Bienenwanderbörse ins Leben gerufen. Auf einer Plattform registrierte Landwirte haben ab jetzt die Möglichkeit, Imkern landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Flächen als Standorte für Bienenwanderungen anzubieten.

Von Christine Hell und Renate Hinterndorfer. Erstellt am 19. Juni 2020 (03:35)
Die Bienen sind in Gefahr, weil sie immer weniger Nahrung finden.
NOEN

„Ich denke, das ist eine gute Sache, und jeder, der kann, soll mitmachen“, sagt Bezirksbauernratsobmann Michael Göschelbauer aus Altlengbach. Flächen seien genug vorhanden. Wegen des Pflanzenschutzes sei die Landwirtschaft oft in der Kritik, hält Göschelbauer fest. Er meint: „Wenn man alles mit Maß und Ziel macht, dann wird es kein Problem sein, auch für die Bienen.“

„Wenn man alles mit Maß und Ziel macht, dann wird es kein Problem sein, auch für die Bienen.“ Michael Göschelbauer zum Thema Pflanzenschutzmittel

Was sagt ein Imker zur Wanderbörse? Ron Richter hat sich mit dieser neuen Einrichtung bereits intensiv beschäftigt: „Das ist eine Internetplattform, die Landwirte mit speziellen Ackerkulturen und Imker mit ihren bestäubenden Bienenvölkern zusammenbringen soll“, sagt der St. Christophener Imkermeister. Er betreibt mit seiner Gattin Annett eine Bio-Erwerbsimkerei und bietet auch Sortenhonige wie Löwenzahn-, Akazien-, Buchweizen-, Goldruten-, Phacelia- aber auch Anis- und Korianderhonig an. „Selbst im Waldviertel standen unsere Bienen bereits in einem Kümmelfeld“, berichtet der Imkermeister. Bisher hat das Ehepaar dafür die wenigen speziellen Ackerkulturen wie Buchweizen oder Anis, natürliche Baumbestände an Akazien und Linden oder natürliche Au-Gebiete mit Goldrutenbeständen selber finden müssen und ihre Eigentümer oder willige Nachbarn ausfindig machen müssen.

„Wenn man durch Niederösterreich fährt, dann bietet sich einem oft ein eintönig grünes und braunes Bild“, stellt Ron Richter fest, Getreide reihe sich an Mais, Mais an grüne und selten bunte Wiesen, Wiesen reihen sich an Getreide. „Viele Bauern kennen leider wenige Alternativkulturen und die Landwirtschaftskammer ermutigte bisher kaum zum Anbau von Sonderkulturen oder Blühstreifen. Solche Blühstreifen sind dann fast nur neben Raps- und Zuckerrübensamenfeldern aufgrund von Lieferverträgen zu finden“, ist der St. Christophener Imkermeister besorgt. „Diese Blühstreifen sind eine Freude fürs Auge und in unserer meist eintönigen Agrarlandschaft eine seltene Nahrungsquelle für allerlei Insekten“, so Richter.

Imker als Konkurrenten

Imker würden selten als Mit-Bauern, sondern eher als Kontrahenten gesehen, bedauert der St. Christophener. Mit der Aktion „Wir für Bienen“ werde versucht, zu zeigen, wie sehr doch die Imker und Bienen von der heutigen Landwirtschaft profitieren würden, vor allem von Monokulturen wie Raps oder Sonnenblume und natürlich vom Wald für den wertvollen Waldhonig, sagt Richter. Das Ganze hätte im Versenden von Blumensamensackerln mit der Aufschrift „Andere reden von der Vielfalt – Wir tun was“ gegipfelt, gibt sich der Imker skeptisch: „Da muss ich als aufgeklärter Bienenfreund, der mit offenen Augen durch unser weniger buntes Land fährt, und Landwirt mit einer selten bunten Wiese und extensivem Obstbau aber ganz ordentlich schlucken!“ Da wirkten die Plakate „Bauer sucht Biene“ einer Umweltorganisation an den Straßenrändern ehrlicher, meint Richter.

Fakt sei: Imker und Bauer könnten gleichermaßen profitieren. Der Imkermeister rechnet vor: „Wird beispielsweise ein Rapsfeld durch Bienen beflogen, so beträgt die Ernte des Bauern um circa 50 Prozent mehr, unter anderem, weil der Rapssamen gleichmäßig reif wird. Dafür verzichtet er weitgehend auf Pflanzenschutzmittel und hat trotzdem eine größere Ernte, inklusive einer wirklich höheren Artenvielfalt.“ In Sonnenblumenfelder aufgestellt könnten Bienen übrigens manchmal sogar verhungern, sagt der Imker, denn um die Abhängigkeit der Pflanzen von einer immer geringer werdenden Zahl von Bestäubern zu reduzieren, seien Sorten entwickelt worden, die weitgehend durch Wind statt durch Insekten bestäubt werden und dann „ressourcenschonend“ keinen Nektar als Lohn für die Insekten abgeben würden, sagt der Bienenkenner.

Ron Richter betreibt mit Gattin Annett eine Bio-Erwerbsimkerei. Er kritisiert die Entwicklung der Landwirtschaft und blickt besorgt in die Zukunft.
Hell

Die neu entwickelte Bienenwanderbörse solle es nun leichter machen, dass die generell „wanderlustigen“ Imker auch die bunten Felder finden und in Folge die hier gelisteten Landwirte mit ihren Sonderkulturen von der wertvollen Bestäubungsleistung profitieren – im Sinne von „Bauer sucht Biene“, stellt Ron Richter fest.

„Die Börse ist eine technisch einfache und dennoch so wertvolle Lösung. Es bedarf nur genügend Landwirte und Konsumenten, die eine solche Lösung oder Dienstleistung einfordern“, so der St. Christophener. Wünschen würde er sich, dass jedes Feld mit einer gewissen Mindestgröße einen straßenseitigen Blühstreifen hätte: „Wir reden hier von eine Fläche im Promillebereich mit einer riesigen positiven Wirkung für die Artenvielfalt und zur Freude des Betrachters sowieso. Dann hätte die hiesige Landwirtschaft auch ein echtes besseres Image.“