Franz Wohlmuth im Interview: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt“

Franz Wohlmuth über seinen Abschied, Erfolge und offene Wunden.

Erstellt am 20. Oktober 2021 | 05:12
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Im Oktober 2007 wurde Franz Wohlmuth Bürgermeister der Stadtgemeinde Neulengbach. Nach 14 Jahren im Amt freut er sich auf seine Polit-Pension: „Es fällt schon eine große Last ab.“
Foto: Hinterndorfer

Er hat das Bürgermeisterbüro ausgeräumt und die Schlüssel abgegeben, sein Computer ist stillgelegt: Franz Wohlmuths Zeit als Bürgermeister ist vorbei. Die NÖN hat ihn zum Abschiedsinterview getroffen.

NÖN: Wie war das Gefühl, als Sie offiziell Ihren Rücktritt bekannt gegeben haben?

Viel ist gelungen, aber bei Weitem nicht alles. Franz wohlmuth, scheidender Bürgermeister

Franz Wohlmuth: Es war in den vergangenen paar Tagen ein komisches Gefühl. Nicht wehmütig, aber eigenartig. Aber der Ausstieg aus der Gemeindepolitik ist schon auch so etwas wie eine Befreiung. Es fällt eine große Last ab. Ich mache gerade meine Abschiedstour, und da meinen viele Leute, dass ich sehr relaxed wirke.

Wann hat sich der Zeitpunkt des Rücktritts herauskristallisiert?

Wohlmuth: Wir hatten heuer drei Mal eine Klausur, wo es darum ging, welche Themen nach der Pandemie anstehen, wie sich die Gemeinde entwickeln soll. Ich habe gesehen, dass es bei vielen Projekten ein längerfristiges Denken braucht, zum Beispiel bei der Raumordnung, bei der Wirtschaft, beim Verkehrskonzept. Mir ist klar geworden, dass es wenig Sinn hat, noch ein halbes Jahr weiter zu tun. Es ist Zeit für einen Generationenwechsel, um den Aufschwung mitzunehmen, der hoffentlich nach der Pandemie beginnt.

Wie intensiv war die Diskussion über die Nachfolge? Es hat ja mehrere Interessenten für das Amt gegeben.

Wohlmuth: Ja, und das finde ich gut. Neulengbach ist eine lebenswerte Stadt, es ist ein Privileg, in so einer Stadt Bürgermeister sein zu dürfen. Da ist es logisch, dass sich Leute finden, die sagen, ich würde mir das zutrauen und es wäre eine Ehre, Neulengbach als Bürgermeister dienen zu dürfen.

Wenn es mehrere Interessenten gibt, ist das aber auch eine gewisse Gefahr für eine Partei.

Wohlmuth: Das war vor zwei Jahren der Fall (damals ist es zum Clinch mit dem Vizebürgermeister gekommen, Anmerkung der Redaktion) . Jetzt war das keine Gefahr mehr. Die ÖVP ist eine geschlossene Gruppe. Das Wohl von Neulengbach ist im Vordergrund gestanden.

Was waren die größten Erfolge in den vergangenen 14 Jahren?

Wohlmuth: Angefangen hat es mit der Standortsuche und der Errichtung des BORG und des neuen Bauhof. Ein Leuchtturmprojekt war das Altstoffsammelzentrum mit dem Zutritt mit E-Card, da waren wir Vorreiter in ganz Niederösterreich. Ganz wichtig waren mir die Sanierung unseres Gerichts und die Errichtung eines Kindergartens im ersten Stock. Bad-Umbau, Sanierung des Lengenbacher Saals, Rathaus-Umbau, Gestaltung der Süd-Einfahrt, Kleinkinderbetreuung waren ebenfalls wichtige Projekte. Wir haben LED-Beleuchtung eingeführt, die Hausnummern umgestellt, Straßen, Sportplätze und Spielplätze saniert. Der Ausbau von Kanal und Wasserleitung hat mich von Anfang an begleitet. Großes Thema war die Stadterneuerung mit dem neuen Auftritt der Stadt und dem Logo. Ein Highlight war die 50-Jahr-Feier mit Veranstaltungen in allen Katastralen. Das alles kann keiner allein machen, dazu braucht man ein gutes Team.

Was waren die größten Schwierigkeiten?

Wohlmuth: Da waren einerseits Dinge, die man nicht beeinflussen konnte, zum Beispiel gleich am Anfang bei der BORG-Standortsuche die Radonbelastung beim alten Bauhof, da mussten alle Mitarbeiter auf Strahlen untersucht werden, das war eine mehr als unangenehme Zeit. Dann kamen die Lehman Brothers und die Finanzkrise, wo die Steuermittel eingebrochen sind. Dann ging es wieder bergauf, und 2015 ist plötzlich die Flüchtlingskrise hereingebrochen. Bis zu 160 Flüchtlinge haben in Neulengbach gelebt, mit allen schwierigen Nebengeräuschen. Und zuletzt kam die Gesundheitskrise.

Was waren schwierige Themen, die nicht von außen beeinflusst waren?

Wohlmuth: Das Schauberger-Areal ist noch immer nicht kollaudiert, der Hochwasserschutz ist noch nicht fertig. Auch der Kanal- und Wasserleitungsausbau ist noch immer nicht fertig. Das sind offene Wunden. Eine permanente Diskussion ist die Langzeitform des Gymnasiums. Da gibt es Für und Wider wegen der Mittelschule. Da ist definitiv keine Lösung in Sicht. Ein permanentes Thema ist das Stadtzentrum, die Erhaltung der Geschäfte. Viel ist gelungen, aber bei Weitem nicht alles.

War die letzte Periode mit Pandemie und Spaltung der ÖVP die schwierigste?

Wohlmuth: Die Pandemie war wirklich einschneidend. Der Kontakt zur Bevölkerung hat gefehlt. Die nächsten zwei, drei Jahre werden finanziell sicher schwierige Jahre werden. Das Soziale war mir immer ein Riesenanliegen. In den vergangenen 14 Jahren hat es fast keine Gebührenerhöhung gegeben. Das wird in Zukunft schwieriger sein. Die Liste Heiss möchte ich nicht mehr thematisieren, ich möchte keine Belastung für die Zukunft reinbringen.

Gab es Momente, wo Sie es bereut haben, Bürgermeister geworden zu sein?

Wohlmuth: Freilich hat man diese Momente. Die Flüchtlingskrise war eine schwierige Zeit, das Land war gespalten, es gab eine Zerrissenheit. Auch bei der Pandemie habe ich mir manchmal gedacht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich 2019 alles abgegeben hätte.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus? Wie werden Sie die neu gewonnene Zeit verbringen?

Wohlmuth: Ich habe das Privileg, auf dem Hof meines Sohnes leben zu dürfen, wo ich manchmal meine bescheidene Arbeitskraft einsetzen darf. Außerdem habe ich mir eine Holzwerkstatt eingerichtet. Ich werde hoffentlich meinem Winterhobby, dem Skifahren, öfter frönen können. Mit Polizeichef Helmut Summer und Pfarrer Boguslaw Jackowski hab ich mir schon ausgemacht, dass wir öfter Skitage machen. Ich werde weiterhin Veranstaltungen besuchen. Und ich werde sicher schauen, dass die Neulengbacher Gastronomie nicht zugrunde geht.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Wohlmuth: Als scheidender Bürgermeister kann einem nichts Besseres passieren als sein Amt in jüngere und sehr gute Hände legen zu können. Jürgen Rummel hat sich schon als Infrastrukturstadtrat bewährt. Ich werde ihm niemals Ratschläge geben. Ich wünsche ihm alles, alles Gute.