Schule in der Pandemie: „Kein verlorenes Jahr“. Der Neulengbacher Clemens Holzbauer ist Schulsprecher des BORG St. Pölten. Die NÖN hat ihn befragt, wie es Schülern mit Lockdown, Öffnung und Lernstoff geht.

Von Renate Hinterndorfer. Erstellt am 18. Februar 2021 (03:20)
Clemens Holzbauer ist seit September Schulsprecher im BORG St. Pölten. Die Pandemie sei anstrengend: „Aber wenn ich daran denke, was Generationen vor mir erlebt haben, bin ich überzeugt davon, dass wir das auch schaffen.“
privat

NÖN: Wie sind die ersten Tage nach dem dritten Lockdown in der Schule gelaufen? Wie funktioniert der Schichtbetrieb?
Clemens Holzbauer: Es war ein durch negative Anterior-Nasaltests möglich gemachter positiver Moment. Auch wenn es Bedenken gegeben hat, war das Fazit der ersten Tage sehr positiv. Die Schnelltests konnten rasch und unkompliziert durchgeführt werden und bieten einen wichtigen Sicherheitsfaktor. Im Großen und Ganzen funktioniert der Schichtbetrieb gut.

„Tatsächlich kämpfen Schüler vermehrt mit sozialen und psychischen Problemen.“ Clemens Holzbauer

Wie ist die Stimmung unter den Schülern? Herrscht Sorge, dass der Präsenzunterricht bald wieder beendet wird? Oder überwiegt die Freude, sich zu sehen?
Die Gedanken und Emotionen gehen in die unterschiedlichsten Richtungen. Natürlich gibt es Sorgen und Bedenken, doch trotz alledem scheint die Freude über den Präsenzunterricht und die damit verbundenen sozialen Kontakte vorzuherrschen. Allerdings bedarf es des Bewusstseins, dass im Falle von steigenden Infektionszahlen die Schulen eventuell wieder geschlossen werden können, auch wenn uns verständlicherweise offene Schulen deutlich besser zusagen. Jetzt konnten wir durch die Öffnungen wieder einen Schritt, wenn auch nur einen kleinen, in Richtung Normalität setzen.

Wie gut kann man sich in der Schule mit Kollegen austauschen angesichts der einzuhaltenden Schutzmaßnahmen?
In den vergangenen Monaten fand die Kommunikation zum größten Teil via Social Media statt. Auch wenn diese Zeit alles andere als angenehm war, haben wir dennoch Erfahrungen gesammelt. Wir haben gezeigt, wie wir zusammen auch in einer Pandemie stark sein können, aber auch, wie Kommunikation in solchen Zeiten funktionieren kann. So gelingt auch jetzt der Austausch mit MNS und erweitertem Sicherheitsabstand sehr gut.

Der Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern wurde durch diese Zeit sehr gefördert und funktioniert auch heute noch gut

Wie gut funktioniert der Austausch mit den Pädagogen?
Der Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern wurde durch diese Zeit sehr gefördert und funktioniert auch heute noch gut. Wenn es Fragen gibt, können wir diese jederzeit stellen, und durch das Distance Learning stehen uns zusätzlich neue, innovative Kommunikationswege zur Verfügung. Wir hoffen, dass viele Elemente aus dieser Zeit auch künftig zu einem fortschrittlicheren Schulalltag beitragen werden.

Wie schauen Ihre Erfahrungen mit Homeschooling aus bzw. was hören Sie von Kollegen? Bleibt viel Lernstoff auf der Strecke? Gibt es Fächer, wo es besonders mühsam ist?
Das Homeschooling bedurfte einer Eingewöhnungsphase, doch nach dieser wurde es um einiges einfacher. Jeder kommt mit der Situation, auch abhängig von den häuslichen Gegebenheiten, unterschiedlich zurecht. Jeder Unterrichtsgegenstand stellt andere Anforderungen an das Kommunikationsmedium. In manchen Gegenständen könnte ein Arbeitsauftrag als sinnvoller erachtet werden, während beispielsweise Mathematik in der Sekundarstufe II ohne Videokonferenz undenkbar wäre. Bezüglich des Lernstoffes konnte oftmals nicht nur der Lehrplan eingehalten, sondern auch ein Stoffrückstand eingeholt werden, da die Lehrerschaft sehr bemüht war, vermeintliche Defizite auszugleichen. Daher halten wir die Behauptung, dass es ein verlorenes Jahr sei, für irreführend, diffamierend und schlichtweg falsch.

Das Homeschooling bedurfte einer Eingewöhnungsphase, doch nach dieser wurde es um einiges einfacher

Wie groß war Ihrer Meinung nach die psychische Belastung für die Schüler in den vergangenen Wochen und Monaten? Gibt’s an der Schule Hilfsangebote für Jugendliche, die psychische Probleme bekommen haben?
Eine solch herausfordernde Zeit bringt auch ein Konglomerat an psychischen Aspekten und Folgen mit sich. Es gibt Schüler und Schülerinnen, die damit besser zurechtkommen als andere. Eine Umfrage der Landesschülervertretung sorgte hier für Klarheit. Tatsächlich kämpfen Schüler vermehrt mit sozialen und psychischen Problemen. Daher war es uns ein Anliegen, über rasche und effektive Hilfsangebote zu informieren, was wir mittels Aussendungen auch taten. Wir haben am BORG St. Pölten das Glück, ein breit gefächertes und gut ausgebautes soziales Serviceangebot zu haben. Dazu zählen Schulpsychologe, Sozialarbeiter, Jugendcoach, der Wahlpflichtgegenstand Konfliktmanagement mit eigenen Peer-Mediatoren und wir als SchülerInnenvertreter.

Hat die Pandemie Ihrer Meinung nach auch positive Auswirkungen?
Diese schreckliche Pandemie brachte und bringt durchaus auch positive Aspekte mit sich: Einerseits lernten wir das eigenständige Handeln und Arbeiten in der Praxis kennen. Dies kann für unsere Zukunft nur förderlich sein. Weiters konnten wir im Bereich der Digitalisierung einen immensen Fortschritt erzielen. Und es wurde uns aufgezeigt, dass Schule mehr kann und ist, als nur ein Ort der Wissensvermittlung: Schule ist ein Ort, um Kontakte zu pflegen, um Freundschaften zu knüpfen, um einander zu helfen und um miteinander zu lernen. So zeigte sich auch, dass man allein zwar viel, aber gemeinschaftlich noch mehr erreichen kann.

Diese schreckliche Pandemie brachte und bringt durchaus auch positive Aspekte mit sich

Wie gehen Sie persönlich mit der Pandemie um und wie blicken Sie in die Zukunft?
Ich versuche, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um diese Zeit so gesund wie möglich, psychisch und physisch zu überstehen. Es ist zweifelsohne anstrengend, aber wenn ich daran denke, was Generationen vor mir erlebt haben, bin ich überzeugt davon, dass wir das auch schaffen. Ich blicke trotz alledem sehr positiv in die Zukunft, denn wir haben noch viel vor uns.