Region Wienerwald: Ungewisse Zukunft für Gastronomie. Aufsperren ja oder nein? Die Unsicherheit ist für Gastronome und ihre Mitarbeiter eine enorme Belastung.

Von Renate Hinterndorfer, Andrea Stoiser und Eduard Riedl. Erstellt am 24. Februar 2021 (03:54)
Johann Messerer bedauert zwar, dass er noch immer keine Gäste in seiner Seebachstube begrüßen kann, aber er hat sich insgesamt mit der Situation schon abgefunden.
Archiv/rh

„Langsam wird des langweilig“, sagt Johann Böswarth angesichts des langen Lockdowns, in dem sich Hotellerie und Gastronomie befinden. Der Chef des Seminarhotels Lengbachhof in Altlengbach stellt fest, dass durch die lange Schließung allmählich die Gewinne der vergangenen Jahre angeknabbert werden. „Wir sind ein gesundes Unternehmen, wir stehen das schon durch von der wirtschaftlichen Seite. Es ist nicht dramatisch, aber zufriedenstellend ist die Situation nicht.“

40 Mitarbeiter des Traditionshauses in Altlengbach sind derzeit in Kurzarbeit. „Sie sind zu Hause, aber das ist nicht befriedigend. Sie wollen wieder arbeiten“, betont Hans Böswarth. Er fragt sich, wie es weitergehen soll, wenn im Juni die Kurzarbeit ausläuft und sich die Situation nicht bessert: „Dann wird es problematisch.“ Es sei zu befürchten, dass gute Mitarbeiter in andere Branchen abwandern.

„Lasst uns weiterhin Gastgeber sein.“ Sabina Wannenmacher, Dorfcafé Maria Anzbach

Unsicherheit herrscht nicht nur beim Personal, sondern auch bei den Kunden. Hochzeiten und andere Events, die im Vorjahr wegen der Corona-Pandemie auf heuer verschoben wurden, werden jetzt zum Teil schon wieder storniert: 25 bis 30 Hochzeiten und andere Feierlichkeiten sollten im ersten Halbjahr 2021 im Lengbachhof über die Bühne gehen. Teilweise sind sie bereits abgesagt. Auch bei Konferenzen mit 100 oder 200 Teilnehmern schaut es nicht gut aus: „Vieles ist nur vorreserviert, es gibt keine fixen Buchungen“, stellt der Hotelier fest.

Die Situation ist belastend. Wenn Johann Böswarth durch das große Seminarhotel geht, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist, dann fühle er sich wie in einem Geisterhotel: „Man ist ja gewöhnt, dass immer Leben im Haus ist, dass Gäste da sind, dass es Events gibt, dass es eine Dekoration gibt. Jetzt ist nichts los.“ Geheizt, gelüftet und gewartet muss dennoch werden, die Kühlanlagen, die Brandanlage, das Telefon, alles muss auch im Lockdown funktionieren.

Johann Böswarth hofft, dass Gastronomie und Hotellerie nach Ostern wieder aufsperren können. Er ist überzeugt, dass das in seinem Haus mit gewissen Auflagen zu machen wäre: „Ohne Bar, ohne Halligalli, nur mit Restaurantbetrieb.“ Aber der Hotelbetreiber ist skeptisch, ob eine baldige Öffnung wirklich möglich ist, es könnte auch erst im Herbst oder zu Weihnachten so weit sein, meint er: „Ich glaube, dass die Krise noch ein, zwei Jahre dauert, vor allem auch im ganzen Städtetourismus.“

„Ich glaube, dass die Krise noch ein, zwei Jahre dauert, vor allem auch im ganzen Städtetourismus.“

Der Neulengbacher Wirt Johann Messerer hatte alles darauf ausgerichtet, dass er im März wieder aufsperren kann: Die Seebachstube wurde renoviert, der Kachelofen wurde hergerichtet, moderne Pumpen für die Heizung wurden installiert und eine neue Kaffeemaschine steht jetzt in der Schank. „Wir haben viele Dinge erledigt, zu denen man sonst nicht kommt.“ Dass es jetzt mit der Öffnung der Gastronomie doch noch länger dauert, nimmt Messerer gelassen: „Ich nehme es hin. Ich habe mich mit der Situation abgefunden.“ So wie viele andere Wirte setzt auch der Chef der Seebachstube auf Abholservice. Von Mittwoch bis Sonntag wird gekocht, das Angebot wird gut angenommen, Messerer hat genug zu tun. Aber der Kontakt zu den Gästen fehlt natürlich. Er sei ja nicht Gastwirt geworden, um nur in der Küche zu stehen und Essen in Schachteln zu packen, merkt der Lokalbetreiber an. „Natürlich fehlen die Gäste, und es ist viel schöner zum Arbeiten, wenn das Lokal nicht leer ist. Aber grundsätzlich geht es uns nicht so schlecht.“

Messerer musste niemanden entlassen, seine Leute sind in Kurzarbeit. So wie die anderen Gastronomen hofft natürlich auch Johann Messerer, dass der sein Wirtshaus bald wieder für Gäste öffnen kann: „Ob mit oder ohne Freitesten, das ist mir egal.“ Dass das Freitesten funktioniert, habe man ja bei den Frisören gesehen. Und die Tests der Gäste anzuschauen sei nicht das Problem. Wenn aufgesperrt wird, dann sollte das aber für eine längere Zeit sein. Es habe keinen Sinn, wenn jetzt für einen Monat geöffnet würde, und dann müsse man wieder zwei Monate zusperren: „Das wäre ein Schmarrn, weil man dann viel wegwerfen muss. Die Lebensmittel, die angeschlagenen Fässer im Keller, das wird alles kaputt.“ Da sei es ihm lieber, erst dann wieder zu öffnen, wenn man mit den Infektionszahlen alles im Griff habe.

Zu den größten Herausforderungen zählt für Sabina Wannenmacher vom Dorfcafé in Maria Anzbach die Unplanbarkeit: „Das ist nahezu schon eine Frechheit, wie man uns auf- und zusperrt. Immer sind maximal ein paar Tage dazwischen. So funktioniert das einfach nicht.“ Auch das Thema Personal sei ein herausforderndes, wirtschaftlich und mental: „Viele in der Gastronomie haben bereits einen zweiten Job angenommen um zu überleben und den sollte man dann übers Wochenende wieder aufgeben und kündigen weil die Regierung verkündet, so, ab Montag dürft ihr wieder. Das geht alles an der Realität vorbei.“

Sabina Wannenmacher: „Die Gastronomie ist nicht schuld an der Verbreitung eines Virus.“
Riedl

Der Appell der Maria Anzbacher Gastronomin: „Lasst uns weiterhin Gastgeber sein, lasst uns weiterhin Wohlfühlorte sein, lasst uns weiterhin kulinarische und zauberhafte Momente schaffen, aber lasst uns in Ruhe mit Maßnahmen, Vorschriften, Pflichtkontrollen. Wer gesund ist, soll bitte kommen, wer krank ist, soll einfach zu Hause bleiben.“ Sie werde sicher niemanden kontrollieren. Kein Mensch würde einen Test in der Warteschlange machen, damit er einen Kaffee trinken gehen kann: „Das ist komplett schwachsinnig und unrealistisch.“

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