Erstellt am 14. März 2018, 10:59

von Renate Hinterndorfer

Anschluss 1938: Schloss wurde zur Kaserne. Der Umsturz im März 1938 wurde auch in der Region Wienerwald bejubelt. Gern geredet wird nicht über diese Zeit.

Eine Kundgebung der Deutschen SS-Truppen 1938 auf dem Sportplatz des „Athletik-Sportklubs“ in Neulengbach. Das Bild stammt aus der Sammlung von Anton Breitner.  |  NOEN

Ein Hakenkreuz prangte am 19. März 1938 auf der ersten Seite des Kreisblattes „Wienerwald-Bote“, die Schlagzeile lautete „Ein Volk, ein Reich ein Führer!“

In dem Bericht heißt es: „Ganz Deutsch-Oesterreich, endlich ein Land des Deutschen Reiches, erlebt Freudentage. Tage unermeßlicher Begeisterung und Jubels.“ Noch niemals sei ein Staatsmann so bejubelt worden wie der Führer Adolf Hitler.

„Erlöste Heimat - Glückliches Volk“ lautete eine Schlagzeile in den St. Pöltener Nachrichten, wo über die ersten Kundgebungen nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland berichtet wurde.

Deutsche Einheiten hatten am 12. März 1938 die Grenze zwischen dem national- sozialistischen Deutschen Reich und Österreich überschritten am 13. März wurde der „Anschluss“ mit dem „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ proklamiert. Am 14. März wurde Adolf Hitler in St. Pölten bejubelt, einen Tag später auf dem Wiener Heldenplatz.

Schloss Neulengbach wurde zur Kaserne umfunktioniert

Die Neulengbacher Historikerin Hedi Fohringer hat ein Protokoll eines Zeitzeugen in ihrem Fundus. Darin ist zu lesen: Am Sonntag, 13. März, sind auch bei uns in Neulengbach Soldaten der Deutschen Wehrmacht eingetroffen. Das alte Schloss Neulengbach ist erstmals in seiner Geschichte zur Kaserne geworden. Dorthin ist die 4. Ersatzabteilung der Panzerabwehr Nr. 46 von Bayern her verlegt worden.“

Eine Kompanie sei in das Kinderheim am oberen Waldrand zur Dreiföhrenkapelle (Custozza-Kaserne) eingezogen. Der jüdische Verein „Gute Herzen“ hatte dort ein Erholungsheim für Kinder betrieben. Die SS-Organisation Lebensborn ließ das Gebäude von der Gestapo beschlagnahmen. Zahlreiche mehrmotorige Flieger flogen über die Region, um „haufenweise deutsche Soldaten schnell per Luftweg“ nach Wien zu bringen.

In dem Protokoll hält der Zeitzeuge fest, dass er aus dem Staunen nicht herausgekommen sei: „Was da für Leute plötzlich nicht nur mit weißen Hemden und Armbinden, sondern auch in SA-Uniform sich umhergetummelt haben, war kaum zu glauben.“ Die deutschen Soldaten hätten seit dem Tag des Einzugs gleich zum Alltag des Ortes gehört, schildert der Neulengbacher: Manch sauberes Mägdelein ist ihnen zur Verschönerung des Soldatenlebens zur Verfügung gestanden.“

"Jede Gemeinde musste beflaggt werden, jedes Gemeindeamt musste mitspielen"

Häuser mussten geschmückt werden, im Bild eine alte Ansichtskarte aus Maria Anzbach aus der Sammlung von Walter Kautz.  |  NOEN

Dass die Nazis am Ruder waren, war nicht zu übersehen: Häuser wurden mit Girlanden und Fahnen geschmückt. „Jede Gemeinde musste beflaggt werden, jedes Gemeindeamt musste mitspielen“, berichtet Walter Kautz vom Verein für die Geschichte von Neulengbach und Umgebung. Der Verein hat sich mit den 1930er- und 1940er-Jahren beschäftigt, auch wenn das schwierig war: „Das war eine unglückliche Zeit. Und es ist eine totgeschwiegene Zeit. Die Leute, die etwas wussten, haben nichts gesagt, oder es waren Befürworter“, sagt Walter Kautz.

„Über diese Zeit ist kaum etwas zu finden“, sagt auch Hannelore Ucik: Sie hat sich mit der Geschichte des Arbeiterheims Tausendblum beschäftigt. „Das Heim wurde 1938 von den Nazis übernommen, da war dann die Hitlerjugend drin.“

Auch Historikerin Hedi Fohringer hat festgestellt, dass Recherchen zum „Anschluss“ nicht einfach sind: „Es ist sehr schwierig, da nachzuforschen, das ist ein sensibles Thema. Aber das ist nachvollziehbar. Das war eine schwierige Zeit. Die Leute hatten eine schwierige Lebenssituation. Es gab nichts zu essen, keine Arbeit. Und plötzlich hatten die Leute wieder Jobs.“

„Schwarzer Tag für Österreich“

Mit den Ereignissen 1938 hat sich auch die Totzenbacher Projektgruppe „Zeitzeigen“ auseinandergesetzt. Zum Thema 40 Jahre Gemeindezusammenlegung Kirchstetten-Totzenbach und 80 Jahre Leben im Dorf wurde 2011 eine Ausstellung gestaltet und ein Buch herausgebracht. Darin wird berichtet, dass es in einigen Orten der Region am Abend des 13. März, als der „Anschluss“ proklamiert wurde, Fackelzüge durch die Straßen gab. Am Markt in Neulengbach fand am 11. März, am Tag des Rücktritts von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, eine spontane Kundgebung von SA und SS mit über 300 Teilnehmern statt.

Auf der einen Seite gab es Jubel über die politische Entwicklung, auf der anderen Seite aber auch Skepsis und Angst. In der Schulchronik von Totzenbach ist zu lesen: „Der 11. März war ein schwarzer Tag für Österreich.“