Neulengbach

Erstellt am 09. Oktober 2018, 04:15

von Renate Hinterndorfer, Birgit Kindler und Beate Steiner

Nach Rottweilerbiss: „Ausbildung für Hunde ist wichtig“. Wenn Gesetze eingehalten und Tiere erzogen werden, brauche es keine Beißkorbpflicht, meinen Experten.

Dagmar Hofer, Obfrau der Hundeschule Kirchstetten: „Es tut mir immer weh, wenn Hunderassen verdammt werden.“ privat  |  privat

Nachdem ein einjähriger Bub in Wien an den Folgen eines Rottweilerbisses gestorben ist, gehen die Wogen wieder hoch. „Gibt es echte Problemhunde?“ – diese Frage wird vielerorts gestellt. Die Obfrau der Hundeschule Kirchstetten, Dagmar Hofer, verneint deutlich: „Von Anfang an ist meiner Meinung nach kein Hund ein Problemhund. Problemhunde sind meistens vom Menschen erzeugt. Ein Chihuahua kann genauso beißen wie ein Rottweiler. Für mich ist nicht der Hund schuld, sondern der Hundeführer.“

Hunde sind keine potenziellen Wadlbeißer

Derzeit gibt es 11.300 Hunde im Bezirk St. Pölten. 49 haben heuer schon zugebissen, ihre Halter sind deswegen angezeigt worden. „Trotzdem ist jeder Hundebiss einer zuviel“, sagt der
St. Pöltner Tierheimleiter Davor Stojanovic. Er ist sich sicher, dass bei Fehlverhalten von Vierbeinern nicht der Hund das Übel ist, sondern der Zweibeiner. Dieser Überzeugung ist auch Ernst Geppel-Rösner vom ÖGV Hundesportzentrum St. Pölten: „Das Problem bei Problemhunden ist meist auf der anderen Seite der Leine.“ Apropos Leine: Hunde sehen diese als Verstärkung, weil ja das Herrl dahinter hängt. Das sollten Hundehalter wissen und auch, dass die Vierbeiner Grenzen ausloten.

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Umso wichtiger ist es, dass Hund und Herrl eine Ausbildung absolvieren. Bei der Kirchstettener Hundeschule ist die Nachfrage nach Kursen groß. 397 Mitglieder zählt die Hundeschule. Doch auch danach muss weitergearbeitet werden: „Da ist auch viel Heimarbeit dabei. Herrl und Frauerl müssen sich mit dem Hund beschäftigen, zum Beispiel Unterordung und Agility trainieren“, so Geppl-Rösner.

Der Hundeführschein, der für bestimmte Rassehunde vorgeschrieben ist, ist für Tierheimleiter Davor Stojanovic keine Garantie für den richtigen Umgang mit dem Vierbeiner: „Nur weil jemand einen Führerschein hat, muss das auch nicht heißen, dass er Autofahren kann.“

Die Kirchstettnerin Hofer meint, dass Ausbildung früher ansetzen sollte: „Mein Wunsch wäre es, dass man einen Hund erst kaufen darf, wenn man einen Theoriekurs gemacht hat. In der Schweiz ist das verpflichtend.“ Von einer Verschärfung der Gesetze hält sie nichts: „Hunde müssen an der Leine geführt werden, aber das wird nicht ausreichend befolgt und auch nicht ausreichend kontrolliert.“

Macht Beißkorb überhaupt Sinn?

Sowohl Davor Stojanovic als auch Ernst Geppel-Rösner sprechen sich zudem gegen eine allgemeine Beißkorbpflicht aus, die derzeit diskutiert wird. „Wobei Beißkorb ein schlechter Ausdruck ist, denn er wirkt gefährlich. Eigentlich müsste es Schutzkorb heißen“, so der Tierheimleiter. Einem Ein-Kilo-Chihuahua einen Maulkorb anzulegen hält er nicht für sinnvoll. Auch bei einem Mops, dem das Atmen ohnehin schwerfällt, sei dies nicht zielführend. „Und müssten dann auch Rettungshunde einen Beißkorb tragen?“ fragt sich Davor Stojanovic. Der Tierheimleiter und auch der ÖGV-Obmann sind überzeugt, dass es wesentlich weniger Hundeattacken gäbe, wenn sich Hundehalter an die gesetzlichen Vorgaben hielten – dazu gehören nach dem NÖ Tierschutzhaltegesetz die generelle Leinenpflicht sowie Maulkorb- und Leinenpflicht für Hunde mit erhöhtem Gefährdungspotenzial innerhalb eines Ortsgebietes. 22 Anzeigen wegen Missachtung der Leinen- und Beißkorbpflicht sind heuer im Bezirk St. Pölten erfolgt, berichtet Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler.

„Die bestehenden Gesetze sind ausreichend, sie sollten nur strenger überwacht werden“, so Hunde-Experte Stojanovic.