Kirchstetten: Angeklagte bekennen sich nicht schuldig. Im Prozess um die Vorgänge im Pflegeheim Kirchstetten sind am Mittwochvormittag die Einvernahmen der Angeklagten fortgesetzt worden. Am Wort war eine 55-jährige ehemalige Pflegehelferin, die von 2013 bis 2016 in der Einrichtung tätig gewesen war. Die Frau bekannte sich nicht schuldig. Neben ihr müssen sich ein 30-Jähriger, eine 34- sowie eine 52-Jährige vor einem Schöffengericht in St. Pölten verantworten.

Von APA / NÖN.at. Update am 23. September 2020 (12:57)
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Angelastet wird dem Quartett das Quälen oder Vernachlässigen sowie der sexuelle Missbrauch wehrloser oder psychisch beeinträchtigter Personen. Vorgeworfen wird den Beschuldigten zudem Körperverletzung, in Bezug auf den 30-Jährigen steht auch noch Urkundenfälschung im Raum.

Die vier Niederösterreicher sollen in der Einrichtung im Zusammenhang mit der Tätigkeit als Pfleger bzw. Pflegehelfer mehrere alte Menschen geschlagen und beschimpft haben, die hilflosen Betroffenen gequält und Bewohner zu heiß geduscht haben. Da die Opfer nicht mehr mitteilungsfähig waren, stützt sich die Anklage im Wesentlichen auf Anzeigen zweier anderer Mitarbeiterinnen des Heims und auf Protokolle einer dienstlichen WhatsApp-Gruppe.

Im Rahmen der Befragung plauderte die 55-Jährige zunächst aus dem pflegerischen Nähkästchen."Es war immer Personalmangel", die Bewohner hätten allerdings nicht darunter gelitten, sagte die gebürtige St. Pöltnerin aus. Eine Forderung nach Supervision für die Mitarbeiter aufgrund der mitunter angespannten Situation sei aus Kostengründen nicht gewährt worden.

Ausgetauscht hat man sich daher in der dienstlichen WhatsApp-Gruppe, in der sich ordinäre und durchwegs menschenverachtende Einträge tummeln. "Hier haben wir Dampf abgelassen", bemühte die 55-Jährige - so wie bereits zwei Angeklagte am ersten Prozesstag - den Begriff Psychohygiene. "Ich kann das Wort schon nicht mehr hören", entgegnete die vorsitzende Richterin. "Der Chat-Verlauf ist ja ein Wahnsinn, das muss man immer wieder wiederholen", bekräftige sie. Dem pflichtete die Beschuldigte bei, die Kommentare seien aber nie "gegen die Bewohner gerichtet" gewesen.

Eigene, sadistisch anmutende Pflegeformen, wie sie in der Anzeige gegen das Quartett angeführt werden, habe es "sicher nicht gegeben", hob die 55-Jährige außerdem hervor. Dass sich die angelasteten Taten ereignet hätten, sei "ein Ding der Unmöglichkeit". Die beiden Mitarbeiterinnen, die Anzeige erstattet hatten, seien vielmehr u.a. aufgrund vorhergehender persönlicher und fachlicher Kritik "sauer" gewesen. Die konkreten Vorwürfe wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit erörtert.

Fortgesetzt wird der Prozess mit der Einvernahme der 52-jährigen Beschuldigten. Sie war als einziges Mitglied des Quartetts bisher nicht zu Wort gekommen. Die beiden übrigen Angeklagten hatten sich am ersten Verhandlungstag am vergangenen Mittwoch nicht schuldig bekannt.

Auch die dritte und die vierte Angeklagte bekannten sich nicht schuldig. 

Die zuletzt in der Schöffenverhandlung befragte angeklagte 52jährige Pflegehelferin kämpfte mit den Tränen. Sie frage sich seit vier Jahren wie ehemalige Kollegen zu den schweren Vorwürfen kommen.

"Die Vorwürfe sind furchtbar", gab die 52-Jährige bei der Befragung am Mittwoch zu Protokoll. Der Chat-Verlauf mit derben Wortmeldungen in der dienstlichen WhatsApp-Gruppe wurde von ihr ähnlich eingeordnet wie zuvor von den Mitangeklagten. Es habe sich um sarkastische Aussagen gehandelt, zur Verarbeitung des Tagesgeschehens.

Die nach eigenen Angaben Spätberufene hatte ihre Tätigkeit in der Einrichtung Anfang 2013 begonnen. "Ich war über drei Jahre eine normale Pflegekraft. Erst als eine neue Mitarbeiterin (eine der beiden Hauptbelastungszeuginnen, Anm.) kam, soll ich sadistisch gewesen sein", stellte die St. Pöltnerin in den Raum. Die Vorwürfe könnten aufgetaucht sein, weil sie die neue Kollegin öfters kritisiert habe, mutmaßte die Beschuldigte: "Ich war mit ihrer Arbeitsweise nicht zufrieden."

Fortgesetzt wird der Prozess am Mittwochnachmittag mit der kontradiktorischen Einvernahme einer der Hauptbelastungszeuginnen. Die Befragung wird auf Video gezeigt, Beobachter sind dabei nicht zugelassen. Der nächste Verhandlungstag findet am kommenden Mittwoch statt, bis einschließlich 18. November sind fünf weitere Termine geplant.