Terroranschlag in Wien: „Mama, da wird geschossen“. Vier Eichgrabener erzählen über ihre Eindrücke und Erlebnisse zum Anschlag in der Wiener Innenstadt.

Von Andrea Stoiser. Erstellt am 11. November 2020 (04:04)
Terroranschlag in Wien
privat

Am Montag, 2. November gegen 20.45 Uhr läutete bei der Eichgrabenerin Doris Burian das Handy. Dran war ihr 19-jähriger Sohn, der in Wien unterwegs war und zum Zeitpunkt des Terror-Anschlages eine U-Bahnstation vom Ort des Geschehens entfernt war. „Mama, da werden Leute erschossen! Ich glaube, ich komme heute nicht mehr nach Hause und schlafe bei einem Freund in Wien“, hörte sie am Telefon die Worte ihres Sohnes.

Die Nachricht musste erst sickern. „Ich habe nicht gewusst, was ich damit anfangen soll“, so Doris Burian, die schon seit Längerem kein Fernsehen konsumiert. Ihr Sohn erklärte das Ausmaß der Terrornacht dann per WhatsApp. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich so einen Satz einmal hören werde“, ist Burian erschüttert. Am nächsten Tag holte sie ihren Sohn mit dem Auto von Wien ab. Der Schock sitzt tief.

Noch näher am Geschehen war der Eichgrabener Journalist und Falter-Chefredakteur Florian Klenk, der mit seinem Team am Montagabend die aktuelle Falter-Ausgabe fertiggestellt hatte. Die Redaktion befindet sich im ersten Bezirk in der Marc-Aurel-Straße, nebst dem Bermudadreieck.

„Wir unterhielten uns zufällig über das Thema Terroranschlag und hielten fest, dass es zum Glück schon einige Zeit keinen gegeben hat. Plötzlich hörten wir es draußen krachen und zwei Kollegen, die Zigaretten holen wollten, hämmerten an die Tür. Wir ließen sie herein, drehten das Licht ab und versteckten uns. Es war eine gespenstische Stimmung“, berichtet Florian Klenk. Danach konnte er beobachten, wie sich Beamte der Polizei-Sondereinheiten um den Häuserblock formierten und Kolonnen von Blaulichtfahrzeugen anrückten und die Innenstadt abriegelten.

"Überall Kerzen und Blumen, weinende und trauernde Menschen und man sieht auch noch die Einschusslöcher“

„Die haben das wahnsinnig schnell und gut gemacht. Das war wirklich beeindruckend“, lobt er die Einsatzkräfte. Da das Falter-Team in der Redaktion festsaß, wurde der Falter in der Nacht noch umgeschrieben. Die Stimmung von Florian Klenk ist Tage nach dem Terrorakt noch gedrückt: „Das Bermudadreieck wirkt wie ein Friedhof. Überall Kerzen und Blumen, weinende und trauernde Menschen und man sieht auch noch die Einschusslöcher“. Aber er ist auch zornig: „Was mich wirklich böse macht ist, dass Herr Fellner das Video, wo Menschen getötet wurden, im Fernsehen gezeigt hat – zu einer Zeit, wo auch noch Kinder zuschauen.“ Die offenen Fragen rund um die Schreckensnacht arbeitet er jetzt journalistisch mit seinem Team und Kollegen aus den Nachbarländern gründlich auf.

Mit Extremismus intensiv beschäftigt

Veronika Hofinger – sie lebt auch in Eichgraben – hat sich mit dem Thema Extremismus in vielerlei Hinsicht intensiv beschäftigt. Die Wissenschaftlerin leitet das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Rückfall- und Desistance-Forschung, Strafvollzug, Restorative Justice, (De-)Radikalisierung und Extremismus. Zu den Vorwürfen, dass der Attentäter vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, meint sie: „Bei Jugendlichen ist die vorzeitige, bedingte Entlassung absolut üblich, auch wenn sie wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Haft sind.“ Man kann den Täter nämlich nur bei einer bedingten Entlassung zu Bewährungshilfe und zu Deradikalisierungs-Gesprächen verpflichten. Wenn jemand bis zum letzten Tag seine Strafe abgesessen hat, ist das nicht möglich. „Wir können radikale Jugendliche nicht bis an ihr Lebensende wegsperren. In Österreich gab es ja relativ viele Jugendliche, die mit dem sogenannten Islamischen Staat sympathisierten und deswegen eingesperrt waren. Von diesen sind viele inzwischen wieder entlassen, nur Vereinzelte wurden rückfällig und keiner von ihnen hat einen Anschlag in Österreich verübt“, so Hofinger.

Angesprochen auf die Deradikalisierung meint sie, dass das eine schwierige Aufgabe ist, wobei beim Täter eine gewisse Bereitschaft da sein muss mitzumachen. Und es müssen Interventionen von mehreren Seiten kommen. „Man muss die Ideologie bearbeiten und das scheinbar so eindeutige Narrativ der Extremisten aufbrechen, Zweifel säen. Es braucht aber gleichzeitig auch Sozialarbeit, in Haft und in der Bewährungshilfe, damit sich diese Menschen wieder in die Gesellschaft integrieren können. Denn je besser diese Leute in die Gesellschaft eingebunden sind, umso unwahrscheinlicher ist ein Rückfall. Eine hundertprozentige Garantie kann aber auch das beste Deradikalisierungs-Programm nicht bieten“, führt Veronika Hofinger aus.

Und weiter: „Man muss sich nach diesem schrecklichen Attentat auf jeden Fall genau ansehen: Wo hat es Warnhinweise gegeben, was könnte man verbessern? Ich würde jedenfalls empfehlen, dass sich die betreuenden Stellen regelmäßiger über die schwierigen Fälle austauschen. Es braucht Fallkonferenzen, wo sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und wo auch der Verfassungsschutz seine Informationen mit den anderen teilt. Da scheint diesmal schon einiges schiefgelaufen zu sein.“

„Omas gegen Rechts“ zeigen sich entsetzt

Ebenfalls in Eichgraben wohnt die evangelische Pfarrerin und Gründerin der Vereinigung „Omas gegen rechts“ Monika Salzer, die sich entsetzt über das Attentat in Wien zeigt. „Ich bin ich bei den Trauernden, Verletzten und Angehörigen“, so Salzer. Aber sie sieht sich auch mit heftiger Kritik und Hasspostings konfrontiert. In Briefen und auf Facebook wird den „Omas gegen rechts“ vorgeworfen, dass sie „diese Leute“ ins Land holen oder geholt haben. Anlass dafür ist die Mahnwache für Lesbos, die von dem „Omas“ in Wien abgehalten wurde. „Abgesehen davon, dass der Attentäter hier geboren wurde, werden Flüchtlinge wahllos als Attentäter diffamiert. Für mich wird es immer wichtiger, zwischen säkular lebenden Moslems, zwischen orthodox lebenden Moslems und Terroristen zu unterscheiden. Ich habe Angst, dass das Attentat politisch missbraucht und „der Islam“, den es nicht gibt, verteufelt wird“, befürchtet Salzer. „In den religiösen Frieden in Wien wurde sehr viel an Engagement investiert. Als „Omas“ werden wir bei Verallgemeinerungen und einer Sündenbockpolitik dagegenhalten und weiter für Menschenrechte eintreten“, zeigt sie sich entschlossen. So schlimm die Tat ist, die sie keinesfalls beschönigen will, sagt sie abschließend: „Der Tat ist eine menschliche Tragödie vorausgegangen. Der Täter hat im Übermaß seinem Hass Luft gemacht, getrieben von anderen. Der Täter ist trotz allem ein Mensch gewesen, um den es – menschlich gesehen - sehr schade ist und in dessen Haut ich nicht gerne gesteckt hätte. Schön,dassnach der Tat die Jugend religionsverbindend der Opfer gedacht hat.“