Region Neulengbach: 4.000 Kilo Wildbret mit Auto erlegt. Mindestens 2.360Tierekommen in der Region jährlich auf der Straße zu Tode. Jäger sind um Abhilfe bemüht.

Von Kristina Veraszto, Gila Wohlmann, Renate Hinterndorfer, Christine Hell und Beate Riedl. Erstellt am 14. Oktober 2020 (04:00)
Die Unfallgefahr durch Wildwechsel ist hoch
APA (dpa)

Ein Schatten in der Finsternis. Ein Tritt aufs Bremspedal, doch zu spät: Schwer verletzt liegt das Reh auf der Fahrbahn. Die Tage werden kürzer, das Risiko, beim Autofahren in der Dämmerung mit einem Wildtier zu kollidieren, steigt erheblich. „Mindestens 2.360 Wildtiere kommen pro Jahr im Bezirk und in der Stadt St. Pölten durch den Straßenverkehr zu Tode“, weiß Bezirksjägermeister Johannes Schiesser. Besonders betroffen seien Rehe (1.200 Stück), Niederwild, also Feldhasen, Fasane und Füchse (1.100 Stück), sowie Wildschweine (60 Stück).

„Wenn das Tier in der Dunkelheit knapp vor dem Auto von der Böschung auf die Fahrbahn springt, hat man wenig Chance, den Unfall zu verhindern.“ Jäger Michael Meissl

„Es wird sehr viel getan, um Wildunfälle zu vermeiden“, sagt Michael Meissl, Bezirksförster und Jäger aus Neulengbach: Einerseits wurden optische und akustische Wildwarngeräte an den Leitpflöcken entlang viel befahrener Straßen angebracht, andererseits Wildwechsel-Tafeln an von Wild stark frequentierten Straßenstücken aufgestellt. „Die blauen Strahler leuchten, von den Autoscheinwerfern nachts angestrahlt, in die Landschaft und warnen das Wild“, erklärt Meissl. Die zusätzlich mit Akustik ausgestatteten Strahler geben auch noch einen Pfeifton zur Warnung ab. Weiters wurden an Autobahnen und Zubringern kilometerlange Wildschutz-Zäune angebracht.

NOEN

„Zu den besten Wild-Schutzmaßnahmen zählt jedoch, dass Rehe, die ihren Einstand neben stark befahrenen Straßen haben, entnommen werden“, erklärt der Jäger.

Trotz all dieser Maßnahmen wurden im Vorjahr von den 1.265 zur Strecke gebrachten Rehen im Hegering Maria Anzbach-Haspelwald-Laabental- Kirchstetten 307 Rehe von Fahrzeugen „abgeschossen“. „Das entspricht etwa 4.000 Kilogramm Wildbret“, hat Michael Meissl ausgerechnet. Stolz ist er darauf, dass durch die Entnahmemaßnahme der Jagdgenossenschaft Inprugg an stark frequentierten Straßen das Fallwild im Bereich Inprugg von 75 Prozent im Jahr 2009 zehn Jahre danach auf beachtliche 15 Prozent reduziert werden konnte. Zu den am meisten vom Wildwechsel betroffenen Straßenstücken zählt laut Meissl die B 19, und da besonders der Bereich Neulengbach Ortsende bis Inprugg und die Strecke zwischen Autobahnabfahrt St. Christophen und Billa. „Genau da bin ich auf der Heimfahrt von der Arbeit immer sehr vorsichtig unterwegs, und ich ärgere mich, wenn mich dann viele Autofahrer in einem enormen Tempo überholen.“

Vorsichtig fahren an exponierten Stellen mit Wildwechseltafel sei angebracht und würde helfen, Wildunfälle zu minimieren, erklärt der Jäger, „wenn aber die Tiere in der Dämmerung oder bei Dunkelheit knapp vor dem Auto von der Böschung auf die Fahrbahn springen, hat man als Autofahrer wenig Chance, den Unfall zu verhindern.“

Richtig reagieren nach einem Wildunfall

Vorausschauendes Fahren empfiehlt auch ein Pannenfahrer des ARBÖ Altlengbach: „Im Herbst, in der Erntezeit ist das Wild mehr in Bewegung, man muss bedenken, dass jederzeit ein Reh über die Straße laufen und eher etwas passieren kann.“

Dem schließt sich auch die Polizei in der Region an – vor allem bei Fahrten auf Freilandstraßen, durch Wälder oder entlang von Feldern sei besondere Vorsicht geboten. „Bei Tempo 100 hat ein 20 Kilo-Reh am Fahrzeug eine Wucht von 2.000 Kilogramm“, macht Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler die Gefahr deutlich. Unfälle mit verletzten Lenkern seien dennoch die Ausnahme. Für das Tier hingegen endet der Zusammenstoß meist mit schweren Verletzungen oder tödlich. Anhalten, Unfallstelle absichern, die Polizei verständigen und auf deren Eintreffen warten: Das ist das korrekte Verhalten bei einem Wildunfall. „Wer das Tier mitnimmt, greift in fremdes Jagdrecht ein und macht sich strafbar“, sagt Pichler. Das Tier selbst erlösen, ist ebenso verboten.

Auch Versicherungen sind mit Wildunfällen konfrontiert, bestätigt Regina Brandstetter von EFM: „Wenn es herbstlich wird, dann wird das wieder mehr ein Thema.“ Gedeckt sind Wildschäden nur bei Voll- oder Teilkaskoversicherungen. Die Maria Anzbacher Versicherungsmaklerin macht darauf aufmerksam, dass bei einem Wildunfall die Polizei verständigt werden muss, auch dann, wenn das Tier noch davonlaufen kann.

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