300.000 Liter Diesel in Gloggnitz abgezweigt. Nicht nur Erdeinbrüche überschatten den Tunnelbau am Semmering. Jetzt flog Handel mit gestohlenem Dieseltreibstoff auf.

Von Gerhard Brandtner. Erstellt am 03. Juni 2019 (06:45)
Gerhard Brandtner
Die Firma Marti arbeitet unter Tage.

Ein Dieseldiebstahl in großem Umfang beschäftigt Polizei und Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt. Von einer Schadenssumme von über 200.000 Euro ist die Rede.

Ein Mitarbeiter der Gloggnitzer Niederlassung der Firma Felbermayr sowie einer der Firma Marti (es gilt für beide die Unschuldsvermutung) sollen die Köpfe hinter dem Diebstahl sein. Das Bauunternehmen Marti ist von der ÖBB-Infrastruktur mit dem dritten Baulos „Grautschenhof“ betraut worden.

Ein Mitarbeiter dort bestellte Diesel, aber nur ein Teil kam tatsächlich an. An die 300.000 Liter sollen seit August 2018 abgezweigt und an Abnehmer in der Region verkauft worden sein. „Auch mir wurde ein Angebot gemacht, ich habe aber abgelehnt“, so ein Gloggnitzer zur NÖN. Andere wollten sich das wohl nicht entgehen lassen.

„Es gibt bereits ein Ermittlungsverfahren gegen sechs Beschuldigte“, bestätigt Staatsanwalt Erich Habitzl. Aufgeflogen ist die Angelegenheit nach einem Anruf. „Bei uns ging ein Telefonat ein, dass jemand, wie immer, Diesel bestellen wollte“, erklärt Wolfgang Schellerer, Geschäftsführer der Felbermayr Transport- und Hebetechnik GmbH, „wir sind sofort zur Polizei gegangen.“

Felbermayer
Wolfgang Schellerer bestätigt, dass man sich vom verdächtigen Mitarbeiter getrennt hat.

Bei der Firma Marti erhielt man von den Machenschaften ihres Mitarbeiters erst durch die Polizei Kenntnis. „Wir haben von den Vorkommnissen nichts gewusst und dann sofort reagiert. Den Marti-Mitarbeiter, der in Verdacht steht, auch solche Handlungen begangen zu haben, hat das Unternehmen fristlos entlassen“, so die Geschäftsleitung in einer schriftlichen Stellungnahme.

Auch die Firma Felbermayr hat sofort die Reißleine gezogen. Schellerer: „Der Mitarbeiter wurde in der Sekunde fristlos entlassen. Wir wollen nie wieder etwas mit ihm zu tun haben.“ Auch das Gerücht, dass besagter Mitarbeiter im Wissen der Firma gehandelt habe, wird ausdrücklich dementiert.

Beim Gloggnitzer Betrieb bestätigt man, nicht geschädigt zu sein. Anders die Lage bei der Firma Marti. „Den Schaden trägt die Firma Marti. Dem laufenden Strafverfahren hat sich die Marti GmbH als Privatbeteiligte angeschlossen“, erklärt man. Die NÖN bemühte sich natürlich auch um eine Stellungnahme der Beschuldigten.

„Nach Rücksprache mit meinem Mandanten darf ich mitteilen, dass dieser voll umfänglich mit den  Ermittlungsbehörden zusammenarbeitet und alle Karten auf den Tisch gelegt hat. Festzuhalten ist jedoch, dass er keineswegs der Haupttäter und Initiator war und keine persönliche Bereicherung vorliegt“, so Rechtsanwalt Peter Mayerhofer, der den Ex-Mitarbeiter der Firma Felbermayr vertritt.

Den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ist übrigens kein Schaden entstanden. „Wir wurden von diesen Vorfällen von keiner offiziellen Stelle in Kenntnis gesetzt, daher wissen wir, dass die ÖBB weder geschädigt noch involviert sind. Dem Steuerzahler ist somit auch kein Schaden entstanden“, erklärt ÖBB-Pressesprecher Christopher Seif auf Anfrage. Und er bestätigt auch, dass man als österreichischer Leitbetrieb eine hohe gesellschaftliche Verantwortung habe. Seif: „Das gleiche ethische korrekte Verhalten verlangen wir auch von unseren Auftragnehmern und haben entsprechende Formulierungen in unseren Bauverträgen verankert“.

Noch läuft das Ermittlungsverfahren, wann und ob Anklage erhoben wird, ist noch offen. Mögliche Ansprüche der Firma Marti als Geschädigten könnten sich auch gegen die Abnehmer des Treibstoffes richten.