Bezirk Neunkirchen: Baubranche bangt um Material. Massive Preissteigerungen, verzögerte Lieferungen und Engpässe machen der Bauindustrie aktuell schwer zu schaffen.

Von Nadine Gasteiner und Christian Feigl. Erstellt am 28. April 2021 (04:45)
Prokurist Georg Gansfuß, Geschäftsführerin Birgit Gava und Junior-Chef Matthias Gava.
NG

Seit 35 Jahren ist Manfred Sperhansl in der Branche tätig, aber so eine Situation wie jetzt hat der Baumeister noch nie erlebt: „Nicht nur die Preise der Baustoffe sind gestiegen, auch die Lieferzeiten verzögern sich teilweise um Wochen“, plaudert er im Gespräch mit der NÖN aus seinem Berufsalltag. Als Beispiel bringt er etwa Dämmstoffe ins Rennen: „Wer sie rechtzeitig bestellt hat, bekommt sie im August, wer nicht, der schaut überhaupt durch die Finger.“ Natürlich wirken sich auch solche Verzögerungen auf die Bauprojekte selbst aus: Zeitlich und in der Geldtasche der Errichter. „Wer jetzt einen Rohbau mit 120.000 Euro kalkuliert hat, der darf rund 30.000 bis 40.000 Euro mehr drauflegen“, so der Baumeister.

Ähnliches berichtet auch Engelbert Spreitzgrabner von der Firma Schilowsky Baumarkt und Baustoffhandel in Neunkirchen: „Derzeit kann vieles nur in geringen Mengen produziert werden. Viele Hersteller leiden unter einem noch nie dagewesenem Rohstoffmangel.“ Bernhard Schröck, Spartenleiter der Agrar- und Baustoffe der Raiffeisen-Lagerhaus GmbH, bemerkt dies ebenso: „Es gibt drastische Preissteigerungen mit Lieferschwierigkeiten nahezu quer durch das gesamte Baustoffsortiment.“

Manfred Sperhansl, Baumeister: „So eine Situation in der Branche noch nie erlebt.“
privat, privat

Spreitzgabner berichtet weiter von sämtlichen betroffenen Bereichen wie zum Beispiel Rohstahl, Kunststoffgranulate oder Holz, welche oft die Basis für die Produkte der Hersteller bieten. Beispielsweise wird für die Herstellung von Styropor oder Kanalrohren Styrol benötigt, welches eigentlich ein Abfallprodukt der Kerosinproduktion ist. Durch den eingeschränkten Flugverkehr während der Pandemie wurde weniger Kerosin produziert, wodurch auch weniger Styrol erhältlich ist. Ein weiteres Problem ist auch das Produzieren von Gipskartonplatten, da kaum Karton zur Verfügung steht aufgrund des gesteigerten Bedarfs im Onlinehandel. Es sind jedoch weitaus mehr Produkte zurzeit knapp: Styrodur, Vliese, Ständerwandprofile, Baustahl und noch einiges mehr, erklärt Spreitzgrabner.

„Nicht nur die Preise der Baustoffe sind gestiegen, auch die Lieferzeiten verzögern sich teilweise um Wochen.“ Manfred Sperhansl, Baumeister

Georg Gansfuß, Prokurist der Bauunternehmung Pusiol in Gloggnitz, berichtet über die Engpässe mit den Baumaterialien: „Rohstoffe wie beispielsweise Dämmstoffe oder Produkte für die Abwasserkanäle, wie Kanalrohre, aber auch Granitleisten beziehungsweise Leistensteine sind schwer zu bekommen.“ Er beschreibt, dass es vor allem da knapp wird, wo man die Rohstoffe nicht selbst beziehen kann oder vom Land zur Verfügung gestellt bekommt. Auch mit Alternativen zu arbeiten sei schwierig, da man gerade bei öffentlichen Ausschreibungen meist dazu gezwungen sei, mit bestimmten Produkten zu arbeiten, so Gansfuß. Als Beispiel nennt er einen Gehweg: Hier müssen überall dieselben Granitleisten verwendet werden. Bei privaten Baustellen wird versucht, gemeinsam eine Alternative für das Fehlen gewisser Materialien zu finden und auf die Kunden zuzugehen.

Ende der Baustoff-Krise noch unbekannt

Hinzu kommt die massive Preissteigerung bei den Rohstoffen. Diese sind auch für die Bauunternehmung Pusiol spürbar, wie Gansfuß erzählt: „Durch die Verknappung bei den Rohstoffen kommt es zu Preissteigerungen zwischen 30 und 80 Prozent und das alles innerhalb weniger Wochen. Granitleisten kosten mittlerweile statt elf Euro 20 Euro pro Meter und sind trotzdem nicht verfügbar.“ Man versuche, sämtliche verfügbaren Produkte auf Lager zu legen, noch einzukaufen und bewusst Geld zu investieren. Spreitzgrabner berichtet weiter: „Für die gesamte Lieferkette steht an oberster Stelle, den Markt mit Produkten zu versorgen. Einen Stillstand kann niemand riskieren und jeder arbeitet mit Hochdruck daran, das Rad am Laufen zu halten.“ Man erkenne, dass an jedem Glied in dieser Versorgungskette der Bedarf das Angebot überschreite. Zudem komme hinzu, dass sich jeder, der kann, mit den knappen Baustoffen eindeckt beziehungsweise sein Lager füllt, wodurch es wieder zu Lieferengpässen und höheren Preisen kommt, so Spreitzgrabner.

Bernhard Schröck, Spartenleiter der Agrar- und Baustoffe der Raiffeisen-Lagerhaus GmbH.
Lagerhaus, Lagerhaus

Schröck schildert dasselbe Dilemma: „Außergewöhnlich lange und teilweise nicht nachvollziehbare Lieferzeiten beziehungsweise Lieferengpässe und teilweise nicht nachvollziehbare Preissteigerungen seitens der Lieferanten sind die Konsequenzen. Es ist derzeit für uns nicht planbar, die Waren vorzubestellen, sodass wir keine Lieferengpässe haben werden.“

Doch wie wird dem Baustoffmangel nun entgegengewirkt? Spreitzgrabner berichtet, dass die Aufgabe als Baustoffhändler hier darin besteht, „als Puffer zu arbeiten, um das System nicht völlig zum Erliegen zu bringen“. Die Lagerkapazitäten werden bei der Firma Schilowsky kurzfristig aufgestockt und es wird versucht, den Kunden ein möglichst hohes Maß an Versorgungssicherheit zu bieten. Spreitzgrabner betont hierbei auch, dass nicht klar sei , wie lange diese Krise andauern wird und, dass man konsequent an den Problemen arbeiten müsse, um Lösungen zu finden. Schröck erzählt, dass im Lagerhaus das Lager noch einigermaßen gut bestückt sei und ansonsten Alternativprodukte angeboten werden würden. Es bleibe abzuwarten, wann sich der Baustoffmarkt wieder erholt.

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