Flucht als Chance genutzt. Saboor und Masoud Saidi bauten sich im Bezirk Neunkirchen ein neues Leben auf.

Von Tanja Barta. Erstellt am 09. September 2020 (04:47)
Andrea Dostal und Saboor Saidi.
F: Redaktion

Afghanistan, Oktober 2015: Saboor und Masoud Saidi verlassen ihre Heimat. „Wir waren hier nicht mehr sicher“, erzählen die Brüder. Zurücklassen mussten sie ihre Eltern sowie drei weitere Geschwister. „Wir hatten nicht genug Geld, um alle zu flüchten.“

Fünf Jahre später sitzen Saboor und sein Bruder Masut am Sonntag im Wohnzimmer der Familie Dostal bei Kaffee und Kuchen. Beide leben in einer Wohnung, haben einen Job beziehungsweise machen gerade eine Ausbildung. „Ich hätte damals nie gedacht, dass ich so viele Chancen bekommen würde“, erinnert sich Saboor an seine ersten Tage in Österreich zurück. Der Weg in sein heutiges Heimatland war alles andere als einfach. Zwei Monate lang waren sein Bruder und er unterwegs. Von Afghanistan in den Iran, dann weiter in die Türkei mit dem Schlauchboot nach Griechenland, bis sie schlussendlich von Slowenien aus über die österreichische Grenze kamen. „Ich sagte damals, dass ich nicht weiter möchte, ich konnte ganz einfach nicht mehr. Mein Bruder sagte, dass er nach Schweden will, dann haben sie uns getrennt. Ich konnte dann einen Polizisten überzeugen, dass wir zusammenbleiben möchten und dann kam er wieder zu mir“, so der heute 21-jährige Saboor.

"Die Lehre haben sich sehr bemüht, mit uns zu üben und uns auf die Aufnahmeprüfung für die Handelsschule vorzubereiten."Saboor

Nach Aufenthalten in Klagenfurt und Traiskirchen wurden die Brüder schlussendlich nach Ternitz gebracht, wo sie nahe des Umspannwerks lebten. „Im ersten Moment hab‘ ich mir nur gedacht: Wo bin ich? Ich wusste ja nicht einmal, wo Ternitz war“, muss Saboor heute lachen. In den ersten Monaten absolvierten er und sein Bruder die Sprachkurse B1 sowie B2.

Dann schaffte der 21-Jährige den Sprung in einen Übergangslehrgang der Handelsschule Neunkirchen. „Zu Beginn war es schwer für uns, die Lehrer zu verstehen. Sie haben sich sehr bemüht, mit uns zu üben und uns auf die Aufnahmeprüfung für die Handelsschule vorzubereiten“, erinnert sich Saboor zurück. Danach folgten drei Jahre normale Handelsschule für den gebürtigen Afghanen. Dieses Jahr machte er seinen Abschluss, wobei er während seiner Schulzeit immer einen Notendurchschnitt hatte, der unter 2,0 lag.

Zu Beginn der Flüchtlingskrise wurde hier in Ternitz ein Transitlager eingerichtet, in dem tausende Flüchtlinge versorgt und dann weitergebracht wurden.
Tanja Barta

Mittlerweile leben sein Bruder und er in einer eigenen Wohnung, haben beide einen Führerschein und können selbstständig leben. Besonders Saboor wollte sich früh von der Grundversorgung durch den Staat lösen. Während er die Schulbank drückte, jobbte er deshalb nebenbei in einer Billa-Filiale. Demnächst kann der 21-Jährige wahrscheinlich eine Lehre im Lagerhaus Ternitz starten. Dafür hat er sogar den Staplerschein gemacht.

Doch all das wäre ohne Hilfe von außen, besonders von (Paten-)Mama Andrea Dostal und Ehemann Andreas nicht möglich gewesen. Sie lernten Saboor und Masoud erstmals am 3. November 2016 kennen. „Mittlerweile sind die beiden wie meine Kinder“, ist Andrea Dostal sichtlich stolz auf „ihre“ Buben. Obwohl sie der Flüchtlingswelle zu Beginn kritisch gegenüberstand, ist sie froh, das Flüchtlingsheim in Ternitz besucht zu haben: „Ich war keine der ‚Refugees Welcome‘-Anhänger, da bin ich auch ganz ehrlich. Dennoch wollte ich mir selbst ein Bild machen und bin durch Freundinnen auf die Möglichkeit einer Patenschaft aufmerksam gemacht worden“, erinnert sie sich zurück.

Saboor und Masoud Saidi haben beide derzeit einen subsidiären Schutz. Da sich beide aber bereits seit fünf Jahren in Österreich befinden, können sie um ein Bleiberecht ansuchen. „Und das werden wir auch machen, sie erfüllen alle Auflagen“, so Dostal. Denn ein Sonntag mit Kaffee und Kuchen ohne Saboor und Masoud ist auch für Familie Dostal nicht mehr vorstellbar.

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