Gefahr für Megabeben ist gering. Warum sich der Pittener Geologe Günther Weixelberger über Beben „freut“ und welche Tipps er hat.

Von Christian Feigl. Erstellt am 28. April 2021 (05:01)
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APA (Symbolbild)

NÖN: Wie haben Sie das Erdbeben Montagnacht selbst erlebt?

Günther Weixelberger: Wie sehr viele Menschen in der Region bin auch ich sofort mit Herzklopfen senkrecht im Bett gesessen, weil mich das Beben spontan aus dem Schlaf gerissen hat. Besonders auffällig war für mich diesmal die enorme Lautstärke, was einerseits auf die mangelnden Fremdgeräusche in der Nacht zurückzuführen ist, andererseits aber auch am Umstand liegt, dass wir sehr nahe am Epizentrum waren.

Warum kommt es aktuell zu einer Häufung spürbarer Beben in der Region?

NOEN

Weixelberger: Durch die Bewegungen in der Erdkruste in Zusammenhang mit der Stauchung der Alpen kommt es zu einem kontinuierlichen Spannungsaufbau im Untergrund. Dadurch wird das Gebirge aber nicht nur in die Höhe gedrückt, gerade bei uns in Ostösterreich werden Krustenteile auch seitlich richtiggehend nach Osten hinausgequetscht. Eine der Folgen davon ist die Bildung des Wiener Beckens, wo es durch lokale Dehnungsprozesse sogar zu einem Absacken der Erdkruste kommt. Infolge all dieser Prozesse wird an manchen Stellen die Spannung im Untergrund so hoch, dass es irgendwann ruckartig zu einer Entspannung kommt – eben einem Erdbeben. Dieser allmähliche Spannungsaufbau erstreckt sich über große Distanzen. Wenn sich die Kruste nun an einer Stelle entspannt, kann es sein, dass sich dadurch woanders die Spannung erhöht – das nächste Erdbeben ist in Vorbereitung. Man kann es vielleicht – ganz bildlich gesprochen – mit einem Sandhaufen vergleichen. Wenn ich diesen unten mit der Schaufel angrabe, wird irgendwann von der Seite Sand nachrutschen. Später dann an einer anderen Stelle, dann noch ein paarmal, bis sich letztendlich wieder eine stabile Böschung eingestellt hat. Dann ist Ruhe – bis ich wieder zu graben anfange.

Wie groß ist die Gefahr, dass uns tatsächlich ein schweres Beben mit massiven Schäden droht?

Weixelberger: Diese Gefahr ist bei uns – auch wenn man sie nicht völlig ausschließen kann – zum Glück sehr gering. Da ich selbst ein Haus besitze, das genau so kaputt gehen kann wie jedes andere, „freue“ ich mich über jedes kleine und mittelstarke Beben, da dies jeweils zu kleinen Entspannungsschritten im Untergrund führt. Somit kann sich kaum eine so hohe Spannung aufbauen, dass es zu zerstörerischen Beben kommt. Auch hier bietet sich ein Vergleich an. Wenn ich vom ersten Stock eine Treppe hinuntergehe, geht bei jeder Stufe ein kleiner Ruckler durch den Körper. Mit dem kommen wir problemlos zurecht. Wollen wir das aber auf einmal und nicht Schritt für Schritt machen und entschließen uns dazu, aus dem Fenster im ersten Stock zu springen, wird der Ruck so groß sein, dass uns die Knochen brechen. Also, „freuen“ wir uns lieber über die vielen kleinen Erdbeben. Die Folgen eines Adrenalinschubes bei jedem kleineren Beben sind weniger schlimm als das Unglück bei einem Katastrophenbeben.

Kann man als Geologe sagen, wann sich die Sache wieder beruhigen wird?

Weixelberger: Die Nachbeben werden sicher noch einige Wochen bis Monate dauern, wobei durchaus noch einige spürbar sein können. Aber vielleicht hat sich die Situation auch schon so weit entspannt, dass es bald wieder ruhig ist.

Ist ein Beben im Ansatz vorher zu erkennen? Wie ist das bei Tieren?

Weixelberger: Leider ist die weltweite Bebenforschung noch nicht so weit, dass man treffsicher Erdbeben vorhersagen kann. Es gibt zwar verschiedenste Ansätze und Überlegungen, doch da braucht es noch viel Arbeit. In jeder Bebenregion gibt es unterschiedlichste Spannungsmuster, verschiedenste Gesteine und eine enorme Vielzahl weiterer ausschlaggebender bzw. mit beeinflussender Faktoren, die dafür verantwortlich sind, wann es zu einem Beben kommt. In erster Linie sind wir dabei, die Bebenregionen möglichst gut abzugrenzen und dort die statistische Häufigkeit von Beben und ihre Stärken ermitteln zu können, da sind wir schon sehr weit! Den konkreten Ort und Zeitpunkt angeben zu können, soweit sind wir leider noch nicht. Es ist bekannt und auch nachgewiesen, dass Tiere im Vorfeld eines Erdbebens zum Teil ein sonderbares Verhalten an den Tag legen, es also „spüren“. Was genau die Ursache dafür ist wissen wir leider ebenfalls noch nicht, dazu laufen zahlreiche Forschungen. Konkrete Überlegungen gehen dahin, dass sich durch den starken Spannungsaufbau unmittelbar vor einem Beben das Ionenverhältnis zwischen Erdkruste und Atmosphäre verändert und das von der feinen Sensorik mancher Tiere wahrgenommen werden kann. Auch bei unserem Hund ist uns im Nachhinein betrachtet vor dem ersten starken Beben am 30. März ein ungewöhnlich ruhiges und verändertes Verhalten aufgefallen. Man muss aber aufpassen, dass man bei Verhaltensänderungen von Tieren nicht zu viel hineininterpretiert.

Es kursieren zurzeit auch viele Verschwörungstheorien zu diesem Beben, etwa, dass sich ein Vulkan entwickeln würde – was haben Sie Skurriles gehört und wie sollte man damit umgehen?

Weixelberger: Ich höre und lese solche Berichte mit Begeisterung, vor allem jetzt in Corona-Zeiten, in der alle Kabaretts geschlossen sind und es für viele ohnehin wenig zu lachen gibt. Nach einem Erdbeben ist es wie nach einem Länderspiel, da haben wir in Österreich statt acht Millionen Teamtrainer auf einmal acht Millionen Geologen. Angeblich bildet sich im Untergrund ein neuer Vulkan, oder der Gfieder oder der Kulmriegel brechen wieder aus. Hier sei gleich einmal angemerkt, dass es sich bei beiden Bergen nicht einmal ansatzweise um Vulkane handelt. Auch sind unsere Beben die Folge tektonischer Bewegungen im Untergrund, das sind vollkommen andere Prozesse als solche in Zusammenhang mit Vulkanismus.

Ihr Rat: Was soll man tun, wenn die Erde zu beben beginnt? Was soll man auf keinen Fall machen?

Weixelberger: Unsere Beben sind meist so kurz, dass sie nach der ersten Schrecksekunde auch schon wieder vorbei sind. Aber manchmal, wie das Beben von Seebenstein im Jahr 1972, kann es schon so lange dauern und stark sein, dass man Schutz suchen sollte. Die sichersten Plätze im Haus sind unter Türstöcken oder stabilen Tischen, die man auch sofort erreichen kann. Auf keinen Fall sollte man ins Freie laufen, gerade an der Gebäudekante ist die Gefahr durch herabfallende Dachziegel, Kamine oder Fassadenteile mit Abstand am größten, um verletzt oder erschlagen zu werden. Wenn man draußen ist, sollte man keinesfalls zu Gebäuden hinlaufen und in diesen Schutz suchen.