Semmeringbasis-Tunnel: „Geologischer Sauhaufen!“. Diffizile Mischung an Gesteinsarten sorgt für Stopp des Vortriebs und spürbare Bauverzögerung.

Von Gerhard Brandtner. Erstellt am 15. Januar 2020 (06:00)
Die Experten Gerhard Gobiet und Wulf Schubert nahmen ausführlich zu den Tunnelproblemen Stellung.
Brandtner

Er gilt als einer der Experten im Tunnelbau. Die Rede ist von Wulf Schubert, emeritierter Universitätsprofessor an der Technischen Universität Graz. Mit dem Projektleiter des Semmeringbasis-Tunnels, Gerhard Gobiet, verbindet ihn nicht nur die Leidenschaft für den Tunnelbau, sondern auch die Tatsache, dass Gobiet Student bei ihm war. Und Schubert brachte es am vergangenen Freitag bei einer Pressekonferenz der ÖBB in der „Infobox“ auf den Punkt: „Es ist ein geologischer Sauhaufen.“

Die Rede ist vom Gestein im Tunnelabschnitt zwischen Aue und Göstritz, der, die NÖN berichtete, eine Bauzeitverzögerung von rund einem Jahr zur Folge hat.

„Wir sind im geologisch komplexesten Bereich des Projektes anbelangt“, so Gerhard Gobiet und weiter, „das Gestein ist teilweise sehr bunt zusammengewürfelt. Die Gesteinsarten wechseln in sehr kurzen Abständen. Zudem können diese Gesteinsschichten auch besonders viel Wasser aufnehmen.“

Zwei Ereignisse führen jetzt zu den Verzögerungen. Zum einen der Wassereinbruch im Bereich des Zwischenangriffs in Göstritz, zum anderen der Einbruch in Aue. „Es wurden Rückhaltemaßnahmen wie ein Pufferbecken unter Tag für 1.000 Kubikmeter Wasser errichtet“, führte Gobiet aus und weiter, „wir hoffen, im ersten Quartal wieder den Vortrieb aufnehmen zu können.“

„Shit happens“, so der Experte

Schwieriger gestaltete sich das Nachbruchereignis im Bereich von Aue, dass die eigentliche Bauverzögerung verursacht. Hier sind umfangreiche Baumaßnahmen unter Tag notwendig, um den Bereich abzusichern. Rund 30 bis 40 Meter der Röhre des ersten Gleises sind verschlammt. „Die Probebohrungen waren nur Nadelstiche. Eigentlich war es keine Überraschung“, so Wulf Schubert, der es dann auch ganz einfach auf den Punkt brachte: „Shit happens“, so der Experte.

Bei der ÖBB rechnet man damit, dass die Arbeiten noch bis September dauern werden, dann solle der Vortrieb wieder „normal“ weiter gehen. „Die nächsten 150 Meter sind dann noch kritisch“, wissen aber auch Gobiet und Schubert. Aktuell sind rund 45 Prozent aller Vortriebe geschafft. „Das sind schöne Erfolge“ führte Gobiet aus. Und hielt auch fest, dass die Verzögerung nichts an den Gesamtkosten von rund 3,3 Milliarden Euro ändere. „Ein solches Ereignis ist abgedeckt“, skizzierte Gobiet.

Ein Teil der Verzögerung kann damit abgegangen werden, dass ursprünglich geplant war, den Tunnel von Gloggnitz beginnend auszurüsten. Um dem Zeitplan gegenzusteuern, wird nach dem Stand der Dinge heute von steirischer Seite her begonnen. Gobiet: „Damit wird 2023 begonnen werden, wenn alle Vortriebsarbeiten abgeschlossen sind.“