„Keiner spricht Mut zu!“. Wirtschaftsbundobmann Wolfgang Kessler über leere Flächen, hohe Mieten, fehlende Frequenzbringer, über die Gewinner der Zukunft und seine politischen Ambitionen.

Von Christian Feigl. Erstellt am 10. Juni 2014 (09:02)
Wolfgang Kessler: »Wer jetzt in die Innenstadt investiert, wird in fünf Jahren der Gewinner sein.«
NOEN, Feigl
Seit genau einem Jahr ist Werbefachmann Wolfgang Kessler Obmann des Neunkirchner Wirtschaftsbundes. Zeit, mit der NÖN über die aktuelle Lage zu sprechen.

NÖN: Wie geht’s der Wirtschaft in der Innenstadt?
Wolfgang Kessler: Geschäfte, die nicht auf die Frequenz der Innenstadt angewiesen sind, sondern einen großen Anteil an Stammkunden haben, sind gut aufgestellt. Die Laufkundschaft bleibt aus.

Der Abfluss der Kaufkraft aus Neunkirchen ist alarmierend?
Kessler: Der Kaufkraftabfluss der Innenstadt ist alarmierend. Aber in Neunkirchen ist viel passiert in den letzten Jahren. Schauen Sie, was zum Beispiel am Spitz passiert. 300 neue Arbeitsplätze – vom Hotel bis zum 24-Stunden-TV-Studio – fast 100 neue Arbeitsplätze im Panoramapark, viele Mitarbeiter in einem neuen Spitalsneubau als Gewinn für die gesamte Region.

Aber es gibt Hoffnung: In der Innenstadt wird in Kürze ein neues Caféhaus eröffnet – hier wurden viele 10.000 Euro investiert, es gibt Pläne für das alte dm-Gebäude. Das neue Cult am Holzplatz und vieles mehr. Auch in der Herrengasse sind Bauaktivitäten zu bemerken.

Wie kann man dem entgegenwirken?
Kessler: Ich habe meine Ideen bereits deponiert. Wie zum Beispiel die Bewerbung gemeinsam mit Ternitz für die NÖ-Landesausstellung. Wir sollten Partnerstädte im Ausland finden. Oder wir haben kein Theater und kein Bühnenwirtshaus in Neunkirchen. Diese Dinge gehörten in die Innenstadt.

Wirtschaftskammervizepräsident Sepp Breiter hat einmal gesagt, in Neunkirchen sei es bereits fünf Minuten nach zwölf. Teilen Sie seine Meinung?
Kessler: Nein. Aber ich verstehe seine Aussage als Obmann des Wirtschaftsvereins. Ich sehe zur Zeit weit und breit niemanden, der jungen Leuten Mut zuspricht, ein Cafehaus oder eine Boutique in der Stadt zu eröffnen.

Welche Hausaufgaben hat die Wirtschaft zu erledigen?
Kessler: In der Innenstadt haben wir unter anderem die Generationenfrage. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, sind große Investitionen in die Infrastruktur notwendig. Wer soll das notwendige Geld in die Hand nehmen? Ein Jungunternehmer kann das mit einem Innenstadtgeschäft nicht erwirtschaften. Ein etablierter Konzern findet die notwendigen Flächen in der Innenstadt nicht.

Haben Sie in den vergangenen Wochen eine Annäherung zwischen Politik und Wirtschaft gespürt?Kessler: Es gibt gute Gespräche zwischen Wirtschaft und Politik.

Wie soll eine Verbindung zwischen Panoramapark und Zentrum geschafft werden?
Kessler: Das wäre ein Projekt, in das man investieren sollte. Beginnend beim alten Kesselhaus.

Wie kann man die vielen Leerflächen an den Mann bringen?
Kessler: Hier kann man noch so viele Projektgruppen bilden. Die Vermietung und damit verbundene Investition obliegt dem Hauseigentümer. Da beginnt das Problem: Keine Frequenz, keine guten Mieten, kein Geld für Investitionen usw. Die Betriebskosten sind in den alten Häusern auch wesentlich höher als in neuen Objekten.

Welche Ideen gibt es, echte Frequenzbringer wieder in die City zu holen?
Kessler: Echte Frequenzbringer bekommen täglich Hunderte Angebote, wo sie eine Filiale errichten sollen. Ein Frequenzbringer lässt sich seine Präsenz teuer abkaufen. Abgesehen davon: Wir haben weder Verkaufsflächen noch Parkplätze für H&M und Co. Es wird nicht den großen Befreiungsschlag geben. Es werden viele kleine Schritte notwendig sein, um die Innenstadt als Gesamtes zum Frequenzbringer zu machen.

Was halten Sie von der Installierung eines Citymanagers?
Kessler: Eigentlich eine überfällige Idee. Aber wir brauchen hier einen Profi-Manager und keinen Hobby-Entwickler, der schnell mit Tagespolitik zugedeckt wird.

Sind die vielen Veranstaltungen der richtige Weg?
Kessler: Wenn sich bei einem Mini-Neunkirchen 1.000 Kinder registrieren lassen, hat jemand etwas sehr richtig gemacht. Das soll Jungunternehmern Mut machen: In Neunkirchen „geht was“. Meine Kinder fühlen sich auch bei den Platz-Konzerten am Samstag immer sehr wohl. Die wären traurig, wenn wir etwas anderes machen würden.

Wo sehen Sie Neunkirchen in fünf Jahren?
Kessler: Die Peripherie wird blühen, die Innenstadt noch eine Zeit dahindümpeln. Aber wer jetzt in die Innenstadt investiert, wird in fünf Jahren der Gewinner sein.

Sind Sie mit Ihrer Performance als Wirtschaftskammerobmann zufrieden oder geht da noch was?
Kessler: Ich habe diese Funktion vor ein paar Monaten vom Bürgermeister übernommen. Bei Hunderten Gesprächen, die ich mit Unternehmern geführt habe, habe ich mir ein klares Bild über die heimische Wirtschaft gemacht und konnte bei Problemen vermitteln. Aber es geht immer mehr.

Werden Sie für den Gemeinderat kandidieren?
Kessler: Nein.