Horror des II. Weltkriegs auch im Bezirk Neunkirchen. 2.100 ehemalige Lager aus der NS-Zeit stehen nun unter Denkmalschutz. Auch im Bezirk Neunkirchen gab es einige davon.

Von Thomas Wohlmuth. Erstellt am 23. Juni 2021 (05:24)
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Ein Plan des Zwangsarbeiterlagers in Raglitz. Daneben der Plan der Baracken (rechts), in denen auf rund 50 m² 20 Menschen untergebracht waren. Die Lebensverhältnisse waren katastrophal.
Stadtarchiv Neunkirchen, Stadtarchiv Neunkirchen

Erst kürzlich wurden die zahlreichen NS-Lager, Zwangsarbeitslager, Kriegsgefangenenlager und Konzentrationslager-Außenstellen aus dem Zweiten Weltkrieg in ganz Österreich vom Bundesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt. Auch im Bezirk gab es einige davon. Doch was geschah dort und wie sehen diese Orte heute aus? Die NÖN auf Spurensuche!

Kirchberg

Das Umerziehungslager „Gut Hammerhof“ befand sich in Molzegg, der älteren Bevölkerung ist das noch bekannt. Vermutlich waren dort Frauen und Mädchen untergebracht. Umerziehungslager dienten vorgeblich dem Zweck, auswanderungswillige Juden für die Arbeit in Palästina auszubilden, in Wahrheit wurden sie dort aber wie in den anderen Lagern ausgebeutet und gequält.

Neunkirchen

Hier gab es laut Stadtarchivar Benedikt Wallner mindestens vier, teilweise sehr kleine, Zwangsarbeiterlager. In der Schöllerstraße – dort, wo heute die Mittelschulen sind – befand sich ein Lager für Kriegsgefangene, primär für welche, die an der Ostfront in Gefangenschaft geraten waren. Die Gefangenen wurden für diverse Bauvorhaben im Stadtgebiet eingesetzt.

In der Endphase des Kriegs wurden ab Sommer 1944 hunderttausende ungarische Juden als Arbeitssklaven in das Deutsche Reich verschleppt. Rene Harather berichtet in seinem im Vorjahr erschienenen Neunkirchen-Buch den Historiker Gerhard Milchram zitierend über zwei derartige Transporte, die im Juli 1944 in Neunkirchen eintrafen.

81 Zwangsarbeiter wurden in der bereits 1938 verwüsteten Synagoge in der Rohrbacherstraße untergebracht, 45 wurden in einen Schuppen in der Daneggerstraße 4 gesperrt und für 15 Personen wurde ein Quartier in der damaligen Eltzfabrik, heute Autohaus Orthuber, geschaffen. Diese Zwangsarbeiter waren zu einem Gutteil entweder alte Menschen (24 Prozent der Deportierten) oder Jugendliche unter 15 Jahren (29 Prozent). Eingesetzt wurden diese Zwangsarbeiter bei der Baufirma Rella&Neffe, in der B&U-Schraubenfabrik, der Eltzfabrik oder der Pamfabrik, die auf Rüstungsproduktion umgestellt hatten.

Am jüdischen Friedhof in Neunkirchen sind mindestens acht hierorts verstorbene Zwangsarbeiter beerdigt worden, darunter Peter Kun, der Vater von Andreas Kun, einem jüdischen Arzt, der sich aufopfernd um die Zwangsarbeiter kümmerte.

Ternitz

In der Stadtgemeinde gab es drei große Zwangsarbeiter-Lager, da das Stahlwerk ein bedeutender Rüstungsbetrieb war. Das sogenannte „Rohrbach-Lager“ befand sich außerhalb von Rohrbach nahe dem dortigen Steinbruch und der heutigen Bahnunterführung. In dem aus mehreren Teilen bestehenden Lager waren bei Kriegsende etwa 1.500 Menschen untergebracht, von denen viele, vor allem Frauen, bei Semperit und in der Rohrbacher Spinnerei arbeiten mussten.

Das „Schneeberg-Lager“ befand sich unmittelbar neben dem Stahlwerk, es bestand aus acht Baracken. Erwähnenswert ist, dass der französische Zwangsarbeiter Francis Jeanno in diesem Lager untergebracht war. Jeanno verfasste ein Tagebuch über das Ende des Lagers in Ternitz und seine Rückkehr nach Frankreich 1945, welches vor einigen Jahren von Christoph Haberl publiziert wurde.

Das „Semmering-Lager“ in Blindendorf war das größte Lager in Ternitz, heute ist dieses Areal von Siedlungshäusern überbaut. Bei Kriegsende dürften dort mindestens 2.000 Zwangsarbeiter in etwa 40 Baracken untergebracht worden sein, diese waren primär bei Schoeller-Bleckmann und in der Semperit-Gummifabrik beschäftigt. Von dem Lager steht noch eine Baracke, die nach einem Umbau heute dem Pensionistenverband als Klublokal dient.

Auch in Raglitz gab es ein Zwangsarbeiterlager in der Nähe des Steinbruchs und der heutigen Firma Weinzettel. Bernhard Pichler vom Dorfmuseum Raglitz berichtet, dass das Lager von 1939 bis 1945 durchgehend bestand, es gab sechs oder sieben Baracken und er schätzt, dass 350 bis 400 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern dort untergebracht waren. Eingesetzt wurden diese bei allen Rüstungsbetrieben der Region bis hin zur Flugzeug- und Lokomotivfabrik in Wiener Neustadt.

Wimpassing

Der Historiker Rene Harather berichtet in seinem Wimpassing-Buch über ein Barackenlager für die Zwangsarbeiter des Semperit-Werks auf der damaligen „Zierhoferwiese“ nahe der Schwarza. Auf diesem Gelände befinden sich heute Bauhof und Sportplatz. Weiters waren Franzosen im Gasthaus Hanslwirt in St. Valentin untergebracht.

Gloggnitz

Über das Zwangsarbeiterlager in Gloggnitz gibt es laut Historiker Friedrich Brettner keine Aufzeichnungen, es soll sich um lediglich eine Baracke gehandelt haben, welche als Außenlager des KZ Mauthausen geführt wurde und somit der SS unterstand. Gearbeitet haben die Häftlinge in einer Außenstelle der Wiener Neustädter Flugzeugfabrik am Standort des heutigen Lagerhauses in der Nähe des Bahnhofs.

Brettner hat auch schon von einem Lager auf der Bodenwiese gehört, dieses soll auch der SS unterstanden haben, war aber kein Außenlager eines Konzentrationslagers. Die Zwangsarbeiter haben dort Holzkohle hergestellt, mehr kann auch er nicht dazu berichten.

Schottwien

Brettner berichtet auch von zwei Kriegsgefangenenlagern in Schottwien, wovon sich eines unmittelbar am Beginn der Adlitzgräben in einem Stadel befunden hat. Die Kriegsgefangenen arbeiteten in umliegenden Betrieben wie der nahen Lederfabrik Hirsch oder in der Landwirtschaft. Das zweite Lager war in Göstritz.

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