Leben im Frauenhaus: Zukunftsängste werden verstärkt. NÖN-Interview mit der Neunkirchner Frauenhausleiterin Barbara Prettner.

Von Christian Feigl. Erstellt am 01. April 2020 (05:29)
privat

NÖN: Inwiefern wirkt sich die Coronakrise auch auf das Frauenhaus aus?

Barbara Prettner: Die Auswirkungen sind auf unterschiedlichen Ebenen spürbar.  Zum Einem im alltäglichen Leben:  Die Kinder sind ganztägig zu hause und wollen/müssen beschäftigt werden. Für Frauen, die noch Arbeit haben, bedeutet das eine schwierige Kinderbetreuungssituation. Andere Frauen haben bereits ihren Arbeitsplatz verloren. Die Ungewissheit, wie es finanziell weitergeht, trifft sie gerade in dieser Umbruchzeit sehr schwer und kann bereits bestehende Zukunftsängste massiv verstärken. Der ‚praktische Bewegunsradius‘ der Frauen und Kinder ist sehr eingeschränkt. Da Frauen und Kinder nur ein Zimmer für sich zur Verfügung haben und sich alle anderen Räume (Küche, Sanitäranlagen, …) mit den anderen Frauen teilen, gibt es kaum Privatsphäre.  Zum Anderen sind alle laufenden Verfahren ob Scheidung, Pflegschaft, Kontaktrecht, Strafrecht etc. für den Moment gestoppt. Das ist sehr schwierig, weil der Ausgang eines Verfahrens großen Einfluss auf weitere Entscheidungen und Schritte der Frauen hat. Im Moment heisst es ‚abwarten‘. Gleichzeitig ist der Aufenthalt in einem Frauenhaus zeitlich begrenzt – das heißt, die Frauen haben unter Umständen das Gefühl, dass ‚ihnen die Zeit davon läuft‘.

Gibt es auch positive Aspekte, die der Situation geschuldet sind?

Prettner: Als positiv wird zum Beispiel  im konkreten Fall einer Familie das derzeitige Aussetzen von Besuchskontakten erlebt. Die Kinder erleben die Kontinuität des Lebens im Haus als sehr entspannend. Sie werden nicht ‚hin und hergerissen‘ – für diese Kinder bedeutet die aktuelle Situation spür- und sichtbar eine Zeit der Erholung und Entspannung. Ein weiterer positiver Aspekt ist der besondere Zusammenhalt, der sich unter den im Haus lebenden Frauen entwickelt. Sie helfen und unterstützen einander, nehmen größtmögliche Rücksicht aufeinander. Das Vertrauen zueinander wächst. Positiv ist auch dass die Zeit, die durch das ‚Wegfallen‘ von Außenterminen zur Verfügung steht, versträrkt für ‚Beziehungsarbeit‘ zwischen den Bewohnerinnen und den Mitarbeiterinnen genützt werden kann. Es können Themen besprochen werden, die bisher keinen Platz in der Beratung gefunden haben, die aber auf die weitere Zukunft der Frauen wesentlichen Einfluss haben.

Wie darf man sich den Alltag derzeit vorstellen?

Prettner: Der Versuch alle anfallenden Dinge so zu erledigen wie bisher. Das bedeutet alles Notwendige wie  hausorganisatorische Tätigkeiten (Einkäufe, Reparaturen, …), Verwaltungstätigkeiten, laufende Beratungsgespräche, … so zu erledigen, dass dennoch die aktuell vorgegebenen Verhaltensregeln bestmöglich eingehalten werden.

Leiden die Frauen oder die Kinder mehr unter den Beschränkungen?

Prettner: Zum Teil wohl schon, da die räumliche Wohnsituation sehr beschränkt ist. Etwas Positives ist sicherlich der geschützte und gesicherte Außenspielbereich für die Kinder.

Werden die Sicherheitsaspekte, auch in Bezug auf die Frauen und Kinder, aktuell noch mehr verstärkt?

Prettner: Die Sicherheitsaspekte werden wie immer gehandhabt und durchgeführt. Hier sehen wir für das Haus aktuell keinen zusätzlichen Handlungsbedarf.

Wie sieht es aktuell mit den Kapazitäten in der Unterkunft aus?

Prettner: Der Notruf von 0 – 24 Uhr und die telefonische Beratung werden wie immer durchgehend an sieben  Tagen die Woche angeboten. Beide Angebote sind kostenlos, anonym und vertraulich. Im Rahmen der telefonischen Beratung kann mit der Frau auf ihre individuelle Situation eingegangen werden und mögliche nächste Schritte können besprochen und erarbeitet werden. Etwa eine Anzeige, Betretungsverbot, oder ein Notfallplan… Auch kann die jeweilige Frau bei der Durchführung etwaiger weiterer Schritte begleitet werden. Aufnahmen sind möglich und werden aktuell  nach ausführlicher Abklärung der Situation der Frau durchgeführt. Diese Vorgehensweise erachten wir aufgrund der Sicherheit für die Gesundheit aller Frauen und Kinder als verantwortungbewusst und notwendig.

Wie geht das Personal mit der Situation um?

Prettner: Bestmöglich über Verhaltensregeln informiert und geschult, ausgestattet mit diversen Hilfsmitteln, mit der durchgehenden Möglichkeit ,sich in schwierigen Entscheidungsituationen Unterstützung zu holen,  mit viel Vertrauen zu den im Haus lebenden Frauen und zu den Kolleginnen und nicht zuletzt mit viel Humor!

Welche Hilfe wird konkret von außen benötigt?

Prettner: Bitte derzeit keine Sachspenden – außer vielleicht Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe und wie immer Bargeld oder Lebensmittelgutscheine.