Suchtberatung: Wirkte sich die Krise auf Süchte aus?. Seit 15 Jahren hat das Anton-Proksch-Institut eine Außenstelle in Neunkirchen: Wie sich die Krise auf Süchte auswirkte oder die Szene in den letzten Jahren verändert hat.

Von Christian Feigl. Erstellt am 21. Juni 2020 (05:12)
Dominik Kraigher ist Oberarzt des Anton Proksch-Institutes.
zVg

Seit dem Jahr 2005 gibt es die Suchtberatungsstelle des Anton-Proksch-Instituts (API) in Kooperation mit dem Land Niederösterreich in der Bezirkshauptstadt. Angesichts der Coronakrise sprach die NÖN Neunkirchen mit Leiterin Birgit Haidenwolf und Oberarzt Dominik Kraigher über die Herausforderungen der vergangenen Wochen.

NÖN: Ist die Coronazeit prädestiniert dafür, das Suchtverhalten der Menschen zu verstärken?

Dominik Kraigher: Es gibt ganz unterschiedliche Verläufe: Manche Patienten haben den Konsum reduziert und weniger Schwierigkeiten, abstinent zu bleiben – durch weniger Leistungsdruck, durch den Lockdown, und weil Gasthäuser und Bars geschlossen hatten. Auch beim Automatenspiel/Sportwetten erfolgte eine Entlastung der Patienten, da die Wettlokale geschlossen waren. Bei manchen Patienten wiederum gab es aber einen deutlich vermehrten Konsum, ausgelöst durch Ängste, Langeweile, unsichere Zukunft, Überforderung durch Kinderbetreuung. Einige Rückfälle – vorwiegend beim Alkohol – gab es nach Wiedereröffnung der Gastronomie bzw. der Geschäfte, weil das „Wiedersehen“ beim Stammtisch gefeiert wurde und im Überschwang wieder Alkohol konsumiert wurde.

Gibt es da Süchte, die das stärker betrifft?

Kraigher: Dazu kenne ich noch keine aktuellen Daten. Interessant wäre aber in diesem Zusammenhang vor allem, wie die Zahlenentwicklung beim Online-Glücksspiel aussieht. Hier könnte ich mir eine deutliche Zunahme vorstellen.

Wie haben die Sicherheitsmaßnahmen die Therapie und deren Erfolg beeinflusst?

Kraigher: Suchtberatungen wurden auf Telefonkontakte umgestellt – das wurde von den Patienten sehr gut angenommen und es gibt weniger versäumte Termine als früher. Allerdings ersetzt ein (Video-)-Telefonat auf Dauer nicht das persönliche Gespräch, da die nonverbale Kommunikation eingeschränkt ist. Wichtig ist, dass das API durchgehend stationäre Behandlung Suchtkranker angeboten hat bzw. anbietet, mit einem auf maximale Sicherheit für alle Patientinnen und Patienten abzielenden Konzept.

Wie wurden die Beratungen abgewickelt? Welche Probleme entstanden dadurch?

Birgit Haidenwolf leitet die Suchtberatungsstelle in Neunkirchen.
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Birgit Haidenwolf: Der Vorteil der telefonischen Beratung ist, dass dadurch eine engmaschigere Betreuung erfolgen kann, da die Telefonkontakte zwar meist kürzer, aber dafür öfter stattfinden. Teilweise kam es aber zu Betreuungsabbrüchen, wenn man einen Patient oder eine Patientin nicht mehr erreichen konnte. Dies war aber sehr selten der Fall. Gruppentherapien konnten in den Suchtberatungen leider gar nicht stattfinden.

Wie laufen die Beratungen aktuell in Neunkirchen?

Haidenwolf: Derzeit finden in allen Suchtberatungsstellen des API nach wie vor ausschließlich telefonische Kontakte nach Vereinbarung statt. Es wird gerade an einem Konzept gearbeitet, damit wieder Patienten direkt in die Suchtberatungen vor Ort kommen können. Für die nächsten Monate liegt aber der Schwerpunkt weiterhin auf telefonischer Beratung, künftig auch Onlineberatung über „Zoom“. Im Einzelfall bzw. bei Erstgesprächen werden voraussichtlich ab Juli wieder persönliche Kontakte ermöglicht .

Wie hat sich der Standort entwickelt?

Haidenwolf: Durch den Umzug der Suchtberatung Neunkirchen von der Eltzgasse in die Anton- Aigner-Gasse im April 2018 ist es gelungen, die Beratungsstelle völlig neu zu etablieren und sichtbarer zu machen. Das attraktive Gebäude, der barrierefreie Zugang, die hellen Beratungs- und Warteräume werden von den Patienten sehr positiv angenommen. Auch der Garten kann für Therapiesitzungen und Aktivitäten der Vitalgruppe genutzt werden. Außerdem ist das Gebäude in ein Viertel eingebunden, wo sich viele Gesundheits- und Sozialeinrichtungen befinden, die Nähe zum Bahnhof und zum Krankenhaus sowie zur Bezirkshauptmannschaft sind von Vorteil.

Was sind im Moment die größten Sorgen, mit denen sich die Klientinnen und Klienten in Neunkirchen melden?

Haidenwolf: Den meisten ist es einfach wichtig, weiterhin ihre Termine einzuhalten und dranzubleiben. Aber vielen machen auch Themen wie der erschwerte Zugang zu medizinischer Hilfe, Arbeitslosigkeit und das „Home Schooling“ der Kinder sowie die fehlende Tagesstruktur Sorgen. Wir haben auch gemerkt, dass sich vermehrt Angehörige an uns wenden, weil der Druck innerhalb der Familien steigt.

Drogen und Alkohol gelten ja als klassische Süchte, gerade auch in diesem Raum – wie hat sich hier die Situation in den letzten Jahren verändert?

Haidenwolf: Die Suchtberatung Neunkirchen war in den 1990er Jahren eine reine Drogenberatungsstelle. Mit dem aktuellen niederösterreichischen Suchthilfeplan wurden Suchtberatungsstellen zu Anlaufstellen für Menschen mit allen Süchten, legalen und illegalen. Dadurch hat sich auch in Neunkirchen der Anteil an Alkoholabhängigen, pathologischen Spielern, Internet- und Kaufsüchtigen in der Suchtberatung erhöht. Der Anteil liegt – mit kleinen Unterschieden – in den Suchtberatungen des API bei ca. 50/50 (legale/illegale Süchte).