„Geschichte & Geschichterl“: Der Fall Ottillinger

Erstellt am 19. Juni 2022 | 05:18
Lesezeit: 3 Min
mar29kultur_ottillinger Margarethe Ottillinger verschleppt
Die Niederösterreicherin Margarethe Ottillinger wurde als 29-Jährige in die Sowjetunion verschleppt.
Foto: NOEN, privat
Erst spät wird sie nach einem Leidensweg von der sowjetischen Justiz rehabilitiert.
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Einer der bekanntesten Fälle von Polit–Intrigen und Willkürjustiz ist jener der Margarethe Ottillinger. Die, 1919 in Steinbach in Niederösterreich geborene, Margarethe Ottillinger verspürt schon als Kind eine große Begeisterung für Erdöl und Stahl und will sich der Technik und Wirtschaft widmen. Nach 1945 arbeitet sie als Konsulentin beim österreichischen Bundesminister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, Peter Krauland und wird 1948 mit der Verwaltung des Marshallplans in Österreich beauftragt.

1948 verhaftet

Mit dem Minister reist Ottillinger immer wieder zu Gesprächen und Besichtigungen auch in die sowjetische Zone Österreichs. Bei einer Besichtigung des Schoeller-Bleckmann Werks in Ternitz und des Brellivier-Urban–Werks in Neunkirchen bekommt sie von einem sowjetischen Soldaten eine kleine Katze geschenkt, die sie mit nach Hause nimmt. Nach ihren eigenen Angaben spielt diese Katze noch eine interessante Rolle, denn als sie am 5. November 1948 das Haus verlassen will, wirft sich die Katze vor sie und will sie mit Beißen und Kratzen vom Verlassen der Wohnung abhalten. Dennoch bricht Ottillinger zu ihrer Fahrt auf, die bei der Rückfahrt über die Ennsbrücke mit ihrer Verhaftung durch sowjetische Soldaten endet. Durch Denunziation wird Ottillinger Hilfe zum Vaterlandsverrat, Wirtschaftsspionage für die Amerikaner und Zugehörigkeit zur Weltbourgeoisie vorgeworfen.

In Baden und Neunkirchen im Gefängnis

Nach einem Tag im Gefängnis wird sie in das sowjetische Staatsgefängnis in Baden gebracht und danach in das Gefängnis der sowjetischen Kommandantur in Neunkirchen, welche sich damals im Bezirksgericht befindet. Ottillinger berichtet eindrücklich von ihren Erlebnissen, von Folter, der Verweigerung der grundlegendsten Körperhygiene und dem Essensentzug. Einen Selbstmordversuch überlebt sie und ihre Tortur geht weiter. Da sie sich als nicht schuldig bekennt, wird sie zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und in die Sowjetunion deportiert, wo ihr Leidensweg in den Arbeitslagern erst recht beginnt. Aufgrund der sowjetischen Amnestie im Zuge des österreichischen Staatsvertrages 1955 wird Ottillinger schwer krank aus der Haft entlassen und kehrt nach Österreich zurück, wo sie in Wiener Neustadt eintrifft.

Das Bild, als sie fiebernd auf einer Trage aus dem Zug gebracht wird, geht damals um die Welt. 1955 beginnt sie für die OMV zu arbeiten und wird 1956 als einzige Frau in den Vorstand berufen, wo sie bis zu ihrer Pension 1982 bleibt. Schon 1956 wird sie von der sowjetischen Justiz rehabilitiert und 1994 endgültig freigesprochen. Heute erinnert eine Gedenktafel am Bezirksgericht.

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