Der Leib- und Seelsorger aus Neunkirchen. „Liebe deinen Nächsten ohne Grenzen von Zeit und Raum.“ Rudi Nährer spricht nicht nur davon – er tut es einfach: In der Kirche, im Hospiz oder als Werkelmann.

Von Elfi Hagenbichler. Erstellt am 16. April 2021 (04:44)
Rudi Nährer in seinem Element – als Werkelmann am Wochenmarkt.
Elfi Hagenbichler

„Leib- und Seelsorger“ steht auf der Visitenkarte – gleich unter seinem Namen: Rudolf „Rudi“ Nährer mit ein paar Sätzen zu beschreiben, ist keine leichte Aufgabe. Eine ausgesprochen facettenreiche Persönlichkeit mit einer unglaublichen Präsenz und entwaffnenden Geradlinigkeit, die dich in ihrer Direktheit im ersten Moment unsanft wachrüttelt, gleich darauf aber humorvoll und warmherzig wieder mit ins Boot holt.

„Ich brauch‘ nicht charmant zu sein“, meint der gebürtige Steirer mit einem Augenzwinkern, „ich bin von niemandem abhängig.“ Erlebt habe er schon vieles und vieles habe sich in seinem Leben schon gewendet, erzählt der bald 74-jährige Theologe im Gespräch mit der NÖN. Aus Hartberg verschlug es den gelernten Kaufmann nach der Schule in die Bundeshauptstadt, vor 40 Jahren in Wien zum Diakon geweiht, bereicherte er 30 Jahre lang das Pfarrleben in St. Egyden.

Den professionellen Umgang mit Leiden und Sterben erlernte der Theologe vor 14 Jahren. Heute ist er ehrenamtlich für die Kirche tätig, lebt in Neunkirchen und begleitet mit seinem mobilen Hospiz und im Klinikum Hochegg schwerkranke Menschen und deren Angehörige. Fragen über Achtung und Würde, aber auch nach Sinn und Hoffnung wollen in diesem Prozess beantwortet werden. „Man muss seinem Leben selbst einen Sinn geben“, meint er nachdenklich, es gebe im Leben immer eine Hol- und eine Bringschuld: „Ich bin glücklich und begnadet, weil ich in diesem Land leben darf – ich möchte denen etwas bringen, die es sich nicht mehr holen können.“ Das tut er – an vielen Fronten. Mit engagierten Freunden und Kollegen setzt er sich für die Verbesserung der alltäglichen Lebensqualität benachteiligter Menschen ein.

„Ich bin glücklich und begnadet, weil ich in diesem Land leben darf – ich möchte denen etwas bringen, die es sich nicht mehr holen können.“ Rudi Nährer über seine Motivation.

Neben seiner Pfarrtätigkeit sammelt er in den Lagern in Neunkirchen alles – von Kleidung über Möbel und Hausrat bis zu Schulsachen, Behelfen für Behinderte und Kranke, Fahrzeugen, Geräten aller Arten und Lebensmittel. Mehr als 800 Arbeitsstunden und 20.000 km ist er pro Jahr im Einsatz, damit rund 500 Tonnen Hilfsgüter ihren Weg aus Neunkirchen nach Rumänien und Ungarn finden.

Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort ist das Thema, Unterstützung von Familien, Behinderten und Langzeitkranken, Aufbau von Projekten vor Ort – Seifenherstellung, Landwirtschaft, Reparaturwerkstätten. Nicht nur die Organisation, auch die Finanzierung liegt in seiner Hand. Er arbeitet mit Gleichgesinnten zusammen, mit Ärzten und Therapeuten und er freut sich über jeden, der helfen will. Unter dem Motto „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ ist er jeden zweiten Samstag im Monat von 8 bis 13 Uhr auf dem „ersten Ternitzer Bauern- und Genussmarkt“ in der Gießergasse zu finden. Hier bieten Kleinstunternehmer und Familienbetriebe regionale und hochwertige Lebensmittel, Hausrat und Selbstgefertigtes an. Wichtig sei dabei der unmittelbare Kontakt zu den Menschen „über die Budl hinweg“ – der Informationsaustausch, das Verkosten von Produkten, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht: „Man redet nicht nur über den

Kas‘, sondern über das, was die Menschen gerade beschäftigt.“

Bei Schönwetter bringt Nährer seine Drehorgel mit. 60 Jahre alt ist die Attraktion, besonders die Kinder lieben sie. Das Verkaufen auf dem Markt und das Verkleiden als Werkelmann sei ein schönes Hobby – und ein nützliches: „An so einem Vormittag bekomme ich schon mal das Geld für den Diesel nach Ungarn zusammen“, schmunzelt er und gesteht mit einem Augenzwinkern: „Ich bin sonst nicht so fleißig!“ Ob er – mitten in der Nacht angerufen – ans Bett eines schwerstkranken Menschen eilt, in einem mit Hilfsgütern voll bepackten Lkw in Richtung Ungarn oder Rumänien unterwegs ist, als Drehorgelmann den Jahrmarkt oder diverse andere Veranstaltungen bereichert oder auf dem Ternitzer Bauernmarkt Käse verkauft: „Der rote Faden ist immer das Menschliche.“