Verena Prenner: Kunst hautnah erleben. Die Soziologin und Künstlerin Verena Prenner aus Seebenstein bereist für ihre Arbeiten – Fotografien mit künstlerischen Inszenierungen – die halbe Welt.

Von Johannes Authried. Erstellt am 19. Juli 2021 (05:03)
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Die Seebensteinerin erregt mit ihren außergewöhnlichen Werken viel Aufmerksamkeit.
Johannes Authried, Johannes Authried

Ihre Werke werden in großen Ausstellungen gewürdigt – viele wissen jedoch gar nicht, wer die Künstlerin hinter diesen Werken ist. Zumindest bis vor einigen Wochen: Da hatte Verena Prenner (39) zur Präsentation ihrer Kunstinstallation auf eine Jagdhütte in Seebenstein gebeten.

Eigentlich ist die gebürtige Neunkirchnerin Soziologin und Fotografin. Sie studierte nicht nur an der Universität für Kunst und Design, sondern auch Soziologie an der Kepler-Universität im oberösterreichischen Linz. Mit ihrer Abschlussarbeit, in der sie sich mit Sexarbeiterinnen befasste, holte Prenner den zweiten Preis. Für diese Interview- und Fotoserie begab sie sich mitten ins Geschehen: Im Wiener Rotlichtviertel besuchte sie Sexarbeiterinnen in Bordellen.  

„Fotografie wurde mir schnell zu wenig und so entschloss ich mich, Soziologie als theoretischen Input zu studieren.“ Verena Prenner

Auf die Frage, wie sich Soziologie und die künstlerische Fotografie verbinden lassen, antwortet Prenner: „Ich habe 2006 mit einem Fotografie-College in Oberösterreich begonnen. Nur Fotografie wurde mir aber schnell zu wenig und so entschloss ich mich, Soziologie als theoretischen Input zu studieren.

Die beiden Disziplinen verwoben sich immer mehr und so kristallisierte sich heraus, dass ich zunächst soziologische Feldforschung unternehme, sei es mit Prostituierten am Wiener Straßenstrich, in Flüchtlingscamps im Nahen Osten, in Zentralafrika oder generell mich mit der österreichische Gesellschaft auseinandersetze und aus diesen subjektiven Analysen Ideen für meine inszenierten Fotografien entwickle.“  

Verena Prenner begibt sich für ihre Projekte oft in Situationen, die man selbst niemals erleben möchte. Sie geht nah heran und sucht den Kern des Geschehens – dabei ist sie nicht nur Beobachtende oder Fremde, sondern sie ist auf einmal auch Betroffene. So erlebte sie im Jahr 2014 den israelischen Gaza-Krieg hautnah mit: In ihrem Camp musste sie wegen Tränengasbomben die Fenster geschlossen halten, war gleichzeitig als Fotografin auf arabischen Hochzeiten tätig, kochte mit Frauen im Camp und duschte sich mit rationiertem Wasser aus PET-Flaschen.  

In ihren künstlerisch inszenierten Fotografien  zerrt sie aber kein persönliches Leid vor die Linse. Ihre Fotografie befriedigt keinen Voyeurismus. Prenners Arbeiten sind Reportagen, Milieustudien wie Experimente zugleich. Aus soziologischem Interesse bezieht sie gern Amateure in ihre Fotografien mit ein und porträtiert Zufallsbekanntschaften.

Ihre Bilder bestehen aus einer Mischung aus analytisch-soziologischer Betrachtung und einer persönlichen Fähigkeit zum Sich-Abkoppeln von der Welt, gipfelt in einer zunächst absurden und immer auch humorvollen Bildsprache. In der Kompromisslosigkeit ihres Schaffens bildet sie auf schonungslose Weise die Komplexität unserer Welt ab. Für die Künstlerin ist das Unsägliche Teil der Normalität. 

Mit ihren Projekten konnte die in Seebenstein – wo sie ihr Atelier hat – und Wien lebende Künstlerin bereits viele internationale Ausstellungserfolge erringen. Unter anderem in Wien und Linz, beim „Delhi Photo“-Festival in Indien, im „Birmingham Art Museum“ in Großbritannien bis hin zum „Obscura Festival of Photography“ in Malaysien. 

Im Herbst erscheint ihr Buch „Camping“ (Edition Lammerhuber). „Für den Inhalt dieses 150 seitigen Buches, mit verschiedenen Projekten, die ich in der palästinensischen Westbank realisiert habe, bekam ich vor kurzem den  Anerkennungspreis des Landes Niederösterreichs in der Sparte ,Sonderpreis 2021 – Die künstlerische und kulturelle Auseinandersetzung mit der Menschenwürde‘“, freut sich die Ausnahmekünstlerin.

Mit viel Engagement arbeitet Prenner bereits an der Ausstellung „Okapi“ mit inszenierten Fotografien aus dem Kongo, die am 2. September in der Galerie Reinthaler in Wien eröffnet wird.