Neunkirchen: Der Schmäh rennt, das Bier rinnt. Jede Durststrecke geht einmal zu Ende: Nach acht Wochen coronabedingter Sperre öffneten die Wirtshäuser am Freitag wieder ihre Türen. Die NÖN sah sich in der Neunkirchner Bezirkshauptstadt um.

Von Christian Feigl. Erstellt am 15. Mai 2020 (16:04)

Kaum hat Thomas Osterbauer sein Restaurant am Minoritenplatz aufgesperrt, betritt auch schon der erste Stammgast das Lokal. „Servas, wie geht’s, schon lange nicht mehr gesehen“, feixt der Chef mit dem Pensionisten, der sich nach der Desinfektion der Hände beim Eingang vorerst einen Kaffee genehmigt. Es dauert nicht lange, da kommen schon die nächsten Stammgäste.

Penibel genau wird vom Personal darauf geachtet, dass nicht mehr als vier Personen an einem Tisch sitzen und die Abstände stimmen. Zur Not greift der Chef sogar zum Maßband. Der Schmäh rennt, das Bier rinnt. Wie in alten Zeiten. „Gott sei Dank, denn die letzten Wochen waren sehr hart. Und das, obwohl wir auf Lieferservice umgestellt haben. Ohne dem wäre es gar nicht gegangen!“

Klassisch wird am ersten Öffnungstag, der an einen Freitag fällt, Scholle gebacken als Menü angeboten. Auch Ingo Rigler und Arthur Membier, die sich hier jeden Freitagvormittag zum Schnapsen treffen, sind wieder da. „Das erste Achterl in der Gesellschaft ist am besten“, nimmt Rigler genussvoll einen Schluck. „Die Kommunikation ist es, die uns am meisten gefehlt hat“, pflichtet ihm sein Freund bei. Dieses Gefühl der Gemeinschaft sei eben durch nichts zu ersetzen.

"Gäste sind noch verhaltener"

Als dann auch noch Hausherr und Bürgermeister Herbert Osterbauer in Anlehnung an den legendären Kanzler Leopold Figl mit den Worten „Österreich ist frei“ und einem Augenzwinkern hereinspaziert, ist fast alles wieder so wie es früher war. „Aber, man bemerkt schon, dass die Gäste noch verhaltener sind“, erkennt Chefin Nina Osterbauer, die ein Plexiglasvisier als Gesichtsschutz verwendet. Die Masken sind ihr zu unbequem, eine Meinung, die übrigens von vielen in der Gastronomie geteilt wird.

Ein paar hundert Meter weiter befindet sich am Hauptplatz das Bräuhaus. Seit 1649 ist es ein Gasthaus und war auch als solches mehr oder weniger durchgehend im Betrieb.  „Solange wie zuletzt haben wir aber noch nie geschlossen gehabt“, weiß Chef Hans Bauer sen. Er hat den Wiederbeginn sehnsüchtig erwartet: „Ich hatte schon vor lauter Nichtstun und Herumknotzen Kreuzschmerzen.“ Seine Kundschaft wird beim Eingang mit einem launigen Spruch begrüßt: „Unsere Gäste sind mit Abstand die besten“, heißt es da. „Die Zweideutigkeit hat mir gefallen“, so Bauer, der den Sager auch auf allen Tischen positioniert hat.

Im Familienbetrieb ist man froh, dass es nun wieder losgeht. Auch die Stammgäste Ilse und Adolf Müller aus Sieding sind gleich am ersten Öffnungstag gekommen, um sich kulinarisch verwöhnen zu lassen: „Mit einem Tafelspitz und einem Herrengulasch ganz klassisch. Denn das ist uns schon abgegangen“, schildern sie der NÖN.

"Der erste Schluck vom Fassbier seit zwei Monaten ist der Beste"

Auch Juniorchef Christian schützt sich mit einem Visier, als er Meßner Sepp Nagl sein Krügerl Bier bringt. „Als Brillenträger ist das viel unkomplizierter.“ Nagl freut sich, dass er wieder Wirtshausatmosphäre schnuppern kann. „Der erste Schluck vom Fassbier seit zwei Monaten ist der Beste“, zischt er und wischt sich mit einer kurzen Handbewegung den Schaum vom Mund. „Das stimmt, nicht einmal ich habe in den letzten acht Wochen ein Fassbier bekommen, obwohl ich an der Quelle sitze“, pflichtet ihm der Seniorchef bei.

Heute gibt es als Menü Gordon Bleu. Nicht alle Tische sind besetzt, aber es wird. „Für den Abend haben wir auch schon einige Reservierungen, leider fällt derzeit noch das Schanigartengeschäft aus“, bedauert die Familie Bauer, die einen ansehnlichen  einem Schanigarten direkt vor der Haustür und dem Rathaus  am Hauptplatz bewirtschaftet.

Die gesetzlichen Bestimmung hat Hans Bauer sen. genau studiert. Der passionierte Kartendippler und Schnapserprofi ist dabei auch auf eine Skurrilität gestoßen. „Vier Fremde an einem Tisch dürfen Kartenspielen, ich darf aber als Wirt nur Karten ausgeben, wenn ich die  nachher desinfiziere. Wen die mitgebracht werden , ist es aber kein Problem.“ Auch dass der Schankbetrieb nicht möglich ist, bereitet ihm Kopfzerbrechen: „Wegen der Abstandsregel kann man entlang der Schank nicht bis zum hinteren Teil des Wirtshauses gelangen, deshalb habe ich nun einen Teilbereich sperren müssen!“

"Endlich wieder raus aus den vier Wänden"

Ein Paradebetrieb für Wirtshauskultur ist das Dorfwirtshaus der Familie Beisteiner in der angrenzenden Katastralgemeinde Peisching. Schon beim Eingang machen Desinfektionsspender und schriftliche Hinweise auf die besondere Situation aufmerksam. Drinnen dann umgekehrte Vorzeichen: Die Seniorchefs Hans und Veronika Beisteiner, die sich normalerweise im Dauerakkuvollbetrieb durch die Gasträume  hetzen, sitzen gemütlich am Stammtisch. „Wir haben noch Pause, aus Sicherheitsgründen, weil wir doch schon in einem gewissen Alter sind“, erklären die beiden  dem NÖN-Reporter, während das Mittagsmenü – Scholle gebacken aus Tradition – verdrückt wird.

Es herrscht ein geschäftiges Treiben, die Gäste sind diszipliniert, fast jeder trägt eine Maske beim Betreten des Lokals. Auch Poldi und Heidi Mauser sowie Hermi und Franz Weissenbacher sitzen zu viert an einem Tisch: „Endlich wieder raus aus den vier Wänden, wir haben es so vermisst“, bringt Poldi Mauser die Stimmung auf den Punkt.

Und auch Stammgast Leander Kapeller schneit bei der Tür herein: „Das ist schon mein dritter Wirtebesuch heute, und es wird nicht der letzte sein“, kündigt er seine Neunkirchner Wirtschaftsförderung der besonderen Art an. Bestellt sich ein Seiderl, Schnitzerl mit Reis.  Nettes Detail: Beim Dorfwirt stehen statt Salz und Pfeffer Handdesinfektionsspender am Tisch.

„Wir freuen uns auf unsere Gäste und unsere Gäste freuen sich mit uns“, erklären die Wirtsleute Hannes und Silvia Beisteiner. Vor allem die Disziplin der Gäste lässt sie optimistisch in die Zukunft blicken: „Derzeit ist vieles noch unklar oder ändert sich stündlich, aber vielleicht können wir ja schon bald wieder ein relativ normales Betriebsleben führen“, hofft Hannes Beisteiner, der auch Bezirkswirtevertrauensmann ist, auf eine baldige Rückkehr zur Normalität.

Apropos Normalität: Mit einem Schnitzel und Pommes sowie einem Seiderl Wolfsbräu endet der NÖN-Lokalaugenschein standesgemäß. Und es hat schon so gut wie lange nicht mehr geschmeckt – die Durstrecke ist hiermit und nach harter Prüfung tatsächlich offiziell beendet!